Sarah und Philipp
8.11.2002
Ein steiniger Weg......
Es begann mit dem – so dachten wir – " simplen " Wunsch nach einem Kind. Wir waren schon einige Zeit verheiratet, und nun hatten wir uns definitiv für ein Kind entschieden (wir waren vorher ja nicht dagegen). Doch die ersehnte Schwangerschaft wollte sich nicht einstellen. Bei der sowieso fällig gewordenen Kontrolle bei meinem Gynäkologen Dr. S erwähnte ich dies und daraufhin begannen erst einmal aufwendige Untersuchungen. Schließlich wurde klar, dass es nicht einfach werden würde. Das war für mich schon ein erster Schock. " Werde ich überhaupt selbst Kinder haben können? " Die Therapien begannen eher sanft und nach eigentlich kurzer Zeit war es dann doch soweit: Wir erwarteten unser erstes Kind. HURRA!
Natürlich wusste ich, dass die ersten zwölf Wochen auch ein großes Risiko für eine Fehlgeburt bergen, aber ich war voller Zuversicht, dass es gut gehen würde. Bei der zweiten Untersuchung in der 10.SSW machte Dr. S wieder einen Ultraschall. Für gewöhnlich erklärte er mir immer, was denn gerade auf dem Bildschirm zu sehen sei. Diesmal sagte er lange Zeit nichts, machte eine Vergrößerung nach der anderen und dann kam die Ernüchterung: " Es tut mir sehr leid, aber Ihr Kind hat keinen Herzschlag mehr."
Ich fiel in ein unendlich tiefes Loch. Drei Tage später wurde dann die Ausschabung von Dr. S in einem Sanatorium gemacht. Als ich in den OP gebracht wurde, wollte ich schreien und den Eingriff verweigern, doch ich brachte kein Wort hervor, nur bittere Tränen. Es ging mir entsetzlich schlecht. Immer wieder stellte ich mir die Frage, wofür ich das denn verdient hätte. Bei einer Visite sagte Dr. S zu mir: " Hier gibt es leider keine Gerechtigkeit! ". Ich fühlte mich gottverlassen und verfiel in Depressionen. Da gab er mir ein Buch: " Gute Hoffnung- jähes Ende " von Hannah Lothrop. Dieses Buch hat mir sehr geholfen, denn endlich fühlte ich mich verstanden. Jeder um mich herum wollte mir erklären, dass es wohl besser so gewesen sei, dass das Kind wahrscheinlich unheimlich behindert gewesen wäre... und ich solle mir doch vorstellen, wie schlimm es wäre, ein Kind auszutragen und dann zu verlieren. Bei solchen " Argumenten " bekam ich regelrecht Aggressionen und ich kann bis heute nicht einen einzigen Grund finden, warum irgendetwas Gutes am Tod seines eigenen Kindes sei soll - auch wenn es noch so klein war. Mein Mann wurde überhaupt erst gar nicht gefragt, wie es denn ihm ginge und dabei litt er genauso wie ich. Wir hatten uns darauf verlassen, dass unser Kind in diesem Sanatorium sicher mit Würde behandelt würde. Aber ich fand keine Ruhe und wollte wissen, wo unser Kind denn hingekommen sei- da erfuhr ich, dass es nur mehr zwei Objektträger mit mikroskopischen Schnitten von Salome (so hatten wir für uns unser Kind genannt) gab. Die Vorstellung, dass der Rest irgendwo zum medizinischen Abfall gekommen war, machte mir sehr zu schaffen. Nach einigen Wochen musste ich einsehen, dass ich alleine nicht in der Lage war, diesen Verlust zu verarbeiten und begab mich in psychotherapeutische Behandlung. Das hat mir sehr gut getan.
Irgendwann begann der Wunsch nach einem Kind wieder aufzukeimen und so begannen wieder die Therapien bei Dr. S. Doch diesmal sollte es nicht so einfach klappen. Von Monat zu Monat wurden die Medikamente mehr, die Dosis der injizierten Hormone höher und dennoch war es vergebens. Wir standen nun vor der Entscheidung, die reinen Hormonstimulationen zu verlassen, und mit einer Intrauterinen Spermieninjektion (IUI- das aufbereitete Sperma wird in die Gebärmutter eingeführt) nachzuhelfen. Nach einigem Ringen sagten wir zu, und so begann am 21. 04. 2002 ein neuer Zyklus. Die Hormonstimulation bei Dr. S verlief gut und er überwies uns für die IUI an Dr. Z - einem Spezialisten für Sterilitätsbehandlung. Laut Ultraschall stand der Sprung der drei Eibläschen kurz bevor und die IUI wurde durchgeführt. Bei der Kontrolle nach drei Tagen wurde aber festgestellt, dass der Eisprung immer noch nicht stattgefunden hatte und die IUI wurde wiederholt. Einige Tage später fuhren wir in den Urlaub in die französische Provence. Wir waren dort schon öfter gewesen und freuten uns sehr darauf. Dort machte ich dann auch den Schwangerschaftstest. Er war sehr schwach- aber immerhin- positiv. Allerdings hatte ich auch leichte Blutungen bekommen - trotz der schon vorbeugend verordneten Hormone. Wieder zuhause brachte die Kontrolle bei Dr. Z Gewissheit: Wir erwarteten Zwillinge! Wir fühlten uns im siebten Himmel, doch für grenzenlose Freude war es noch zu früh. Um die Schwangerschaft aufrechterhalten zu können, musste ich wieder täglich Hormone spritzen, Medikamente einnehmen und ich war ab sofort in Frühmutterschutz und sollte vornehmlich liegen. Die Tage vergingen entsetzlich langsam und ich hatte ständig Angst um unsere Kinder. Zu sehr waren die Erinnerungen an Salome wach. Vor jeder Untersuchung war ich schier aus dem Häuschen, vor lauter Angst, die Herzchen könnten wieder stillstehen. In der 10.SSW bekam ich dann nach der Abschlussuntersuchung bei Dr. Z den Mutter-Kind-Pass. Der errechnete Geburtstermin war der 28.01.2003. Es schien alles in Ordnung zu sein. Ich musste zwar noch weiter Medikamente nehmen, aber laut Arzt stünden die Chancen gut und ich könne die weiteren Kontrollen nun wieder bei Dr. S machen.
Am 09.07.2002 war ich gemeinsam mit meinem Mann bei Dr. S zum Ultraschall. Unsere beiden Zwerge lagen wie im Stockbett übereinander. Das obere Kind war ganz ruhig, das untere aber wachtelte mit Händen und Füssen, als wollte es uns grüßen. Als die 12.SSW vorbei war, sagte ich zu meinem Mann, dass ich mich nun langsam auf die Schwangerschaft einstellen würde und die Angst der Freude weiche. Doch diese Freude währte nur eine Woche.
Am ersten Tag der 14.SSW, es war Sonntag Abend 21.07.2002, lag ich im Wohnzimmer. Plötzlich fühlte ich etwas im Unterleib und ging auf die Toilette. Da sah ich, dass mir das Blut schon bei den Füssen herauslief. Panik breitete sich aus. Wir riefen Dr. S an und er riet uns, ins Landeskrankenhaus zu fahren. Während ich ins Auto einstieg, fühlte ich etwas Dickes in mir herunterrutschen. In diesem Augenblick war ich mir sicher, dass es mit den Kindern vorbei sein würde. Während wir in der Ambulanz warteten, betete ich immerzu und hoffte (in einem für mich jetzt irren Gedanken), dass wenigstens ein Kind bleiben möge. Bei der Untersuchung dann stellte sich heraus, dass das was ich gefühlt hatte, ein riesiger Blutklumpen gewesen war. Als wir beim Ultraschall unsere beiden Kleinen dann munter strampeln sahen, war die Erleichterung unendlich groß. Aber die untersuchende Ärztin schien etwas verunsichert zu sein. Immer und immer wieder sah sie hin, suchte eine andere Perspektive, sagte uns letztlich aber nichts. Ich wurde auf die Gynäkologische Sonderstation I gebracht, sofort an wehenhemmende Magnesiuminfusionen angehängt und hatte strengste Bettruhe. Wir ahnten nicht, dass es trotz der vergangenen Aufregung, unsere letzte ruhige und relativ unbeschwerte Nacht sein würde.
Am nächsten Morgen wurde ich in den Spezialultraschall gebracht. Ich war der Annahme, dass es sich um Routine zur Sicherheit handelte. Dort lernte ich einen ganz besonderen Menschen kennen: Dr. A. Er machte den Ultraschall. Wie die Ärztin am Abend zuvor, schien auch er etwas Bestimmtes zu suchen. Aber er sagte kein Wort. Als ich ihn fragend ansah, sagte er, er wolle sich ganz sicher sein und würde dann mit mir reden. Nach knapp 45 Minuten bangen Wartens kam jener Augenblick, der unser ganzes Leben verändern sollte: " Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Das obere Kind sieht gesund und in Ordnung aus. Das untere Kind aber hat ein sehr massives Problem. Es leidet an Anencephalie. Dieses Problem ist so massiv, dass es nicht lebensfähig sein wird... " Er redete einige Zeit mit mir, erklärte mir, was das zu bedeuten habe, wie die weitere Vorgehensweise voraussichtlich sein würde... Auf dem Bildschirm war noch das Bild vom Kopf dieses Kindes. Während Dr. A mit mir sprach, sah ich immer wieder darauf und konnte es einfach nicht glauben. Einen Kaiserschnitt sollte ich bekommen, da man nicht wisse, wie der Geburtsverlauf durch das kranke Kind beeinträchtigt würde und damit das Risiko für das gesunde Kind erhöht werden würde. Es werde auf jeden Fall vorher geplant werden und falls die Schwangerschaft so lange hielte, spätestens in der 38.SSW gemacht werden.
Als ich wieder auf das Zimmer gebracht wurde, fühlte ich mich, als wäre ich nicht bei mir. Ich ließ meinen Mann anrufen, denn ich selbst wäre nicht dazu fähig gewesen. " Nein, Nein, Nein. Das ist alles gar nicht wahr. Das kann gar nicht so sein. Er muss sich getäuscht haben. Sowas gibt’s doch gar nicht... " Meinen Gedanken waren wirr, ich stand unter Schock. Meine Gefühle wechselten zwischen Wut, Angst, Trauer und Hoffnung (- das ist bis heute so geblieben). Als mein Mann bei mir war, kam Dr. A zu uns und erklärte uns auf sehr einfühlsame Weise noch einmal den Befund. Er erläuterte auch die möglichen Optionen dazu, wir könnten das kranke Kind durch einen Herzstich oder eine Injektion abtöten lassen (allerdings nicht in dieser Klinik), was aber auch Risiken für das gesunde Kind berge. An der Art wie er uns das sagte, erkannten wir aber, dass er nicht dafür war, und für uns kam es trotz allem sowieso nie in Frage. Wir hatten uns vorher auch schon gegen die Nackenfaltenmessung entschieden- wir wollten ein Kind und wir wollten es so, wie es eben war annehmen, und nicht dann " aber so nicht " sagen.
Obwohl ich am 5.Tag bereits wieder nach Hause hätte dürfen, wollte ich noch zwei Tage bleiben, um mich sicherer zu fühlen. Aber trotzdem ich außer zur Toilette überhaupt nie aufstand, bekam ich wieder sehr starke Blutungen. Nun war es mir genug und ich war wütend - auf die nächste Blutung konnte ich zuhause genauso gut warten. Die Abschlussuntersuchung wurde von Dr.A gemacht. Er ließ mich nicht gerne gehen, aber ich beharrte darauf. Mit nach Hause bekam ich jede Menge Magnesium als Wehenhemmer und eine absolute " Liegeverordnung ".
Wir benannten unsere Kinder - denn es wurde nun ja immer getrennt von ihnen gesprochen: unser krankes Kind, das auch kleiner war, war unser KLEINES, das gesunde Kind, war unser GROSSES - wir ließen uns bis zuletzt das Geschlecht der Kinder nicht sagen.
Nun begann mein Leben zu Hause zwischen Bett und Wohnzimmercouch. Am 4. Tag zuhause traten wieder starke Blutungen auf, aber ich meldete mich in der Klinik gar nicht mehr. Ich empfand diese Schwangerschaft, auf die ich mich so sehr gefreut und auf die ich so gewartet hatte als reinsten Albtraum. Vorher hatte ich immer meinen Bauch gestreichelt, mit meinen Kindern geredet, aber jetzt war ich nicht mehr fähig dafür. Manchmal weinte ich stundenlang. Oft hatte ich das Ultraschall- Bild von Dr. S vor Augen. Da die Kinder auch damals schon übereinander lagen, wussten wir, dass das untere Kind, welches so heftig gewinkt hatte, unser Kleines war. Es kam uns vor, als wollte es uns damals sagen, dass wir besonders gut auf es aufpassen und schauen müssten.
Zehn Tage nach meiner Entlassung hatten wir die erste Kontrolle bei Dr. A. Ich konnte nicht auf den Bildschirm sehen. Der Gedanke, dort mein todgeweihtes Kind zu sehen, brach mir fast das Herz. Das Blutungsareal war noch offen und damit die Gefahr, die Kinder zu verlieren nicht gebannt. Denn der Mutterkuchen der beiden lag so nahe beieinander, bzw. teilweise übereinander, dass bei einem Abgang beide Kinder verloren gewesen wären. Meine Nerven lagen blank und ich bekam nur mehr am Rande mit, dass Dr. A mit meinem Mann sprach.
Zuhause war wieder liegen angesagt und ich erinnerte mich an das Buch, das Dr. S mir gegeben hatte: " Gute Hoffnung- jähes Ende ". Genau das würde uns nun bevorstehen. Ich vergrub mich also zum Teil in mentaler Vorbereitung auf das Unausweichliche. Wir kontaktierten unseren befreundeten Priester Herbert und baten ihn, bei der Geburt dabei zu sein, um unser Kleines zu taufen. Manchmal kam mir der Gedanke, dass Salome wohl nicht umsonst gewesen sein würde: durch die Beschäftigung mit Fehl- und Totgeburt damals, wusste ich nun, worauf es im Ernstfall ankommt, welche Erinnerungsstücke und Rituale hilfreich sein können, und versuchte dies vorzubereiten. Wir waren uns einig, dass wir unser Kleines zuhause im Familiengrab beisetzen wollten, wir wollten Fotos und Abdrücke machen...... Die gedankliche " Organisation " dieser Dinge hat mich sehr beschäftigt und auch etwas abgelenkt. Doch es gab auch Tage, an denen ich nur heulte und darum flehte, wohl besser nie schwanger geworden zu sein. Ich marterte mich mit Selbstvorwürfen und Fragen nach dem " Warum ". Hätte ich die zweite IUI nicht mehr machen lassen sollen? Hat die weite Autofahrt in den Urlaub geschadet? Hätte ich wirklich nichts tun können, um dies zu verhindern? In der Klinik wurde mir immer erklärt, dass das einzige, was man tun könne, um die Wahrscheinlichkeit eines Neuralrohrdefektes zu verringern, die Einnahme von Folsäure sei, wirklich verhindern könne man es nicht. Die Folsäure aber hatte ich seit Beginn unseres Kinderwunsches in entsprechender Dosierung genommen.
Einen Monat nach meiner ersten Klinikaufnahme, am 21.08.2002 (18.SSW) stand wieder eine Kontrolle bei Dr. A an. Er stellte fest, dass der Muttermund viel zu weich und auch offen sei, weshalb eine Cerclage (Ring um den Gebärmutterhals) unbedingt notwendig sei, diese aber noch nicht gemacht werden könnte, da noch immer Blut abginge. Ich müsste also inzwischen wieder stationär aufgenommen werden. " Nein, ich bleibe nicht " war meine Antwort und unter Zeugen (Krankenschwester) musste ich beteuern, auf eigene Verantwortung nach Hause zu gehen.
Daheim hielt ich mich sehr brav an die Liegeverordnung und war inzwischen wieder soweit, in Kontakt mit meinen Kinder treten zu können. Und Anfang der 18.SSW wurde ich dafür belohnt- ich spürte an meiner aufgelegten Hand den ersten Strampler. Das brachte große Freude, aber auch Trauer. " War es unser Kleines? "
Mittlerweile wurde der Termin für die Cerclage fixiert und die Untersuchungen bis dahin, bestätigten nur immer wieder, wie bedenklich die Lage bis dahin war. Am 06.09.2002 wurde dann die Cerclage unter PDA (Kreuzstich) gemacht. Nach einer Woche wurde ich wieder aus der Klinik entlassen. Die Entscheidung, die Cerclage machen zu lassen, hatte mir viel Kopfweh bereitet, denn sie war ja auch mit Risiken für die Kinder verbunden, aber nun war ich froh, mich durchgerungen zu haben- schließlich bekam ich " zur Belohnung " etwas mehr Bewegungsfreiheit in Form kleiner Spaziergänge.
In einem Babygeschäft kauften wir uns einen kleinen Spieluhr-Plüschhasen. " Fridolin " spielte für die restliche Schwangerschaft eine sehr wichtige Rolle - wann immer wir ihn aufzogen und auf meinen Bauch legten, begannen die Kinder entweder zu strampeln oder sich zu beruhigen. Und er war quasi der Beschützer unserer Kinder- immer mit dabei.
Am 14.10.2002 (26.SSW) hatte ich bei einer Kontrolle einen Vertretungsarzt - Dr. B. Er machte den Ultraschall und währenddessen erzählte er mir, dass es vor acht Jahren eine ebensolche Zwillingsschwangerschaft gegeben habe. Diese Eltern seien ganz gläubige Menschen gewesen, welche ihr Kind hätten zur Organspende freigeben lassen wollten. Da man aber für die Organspende für hirntot erklärt werden muss, war das nicht möglich gewesen- " denn wenn man kein Gehirn hat, kann man auch nicht für hirntot erklärt werden! " Mir verschlug es die Sprache. Ich sah auf dem Bildschirm das Gesicht und die Hände unseres Kleinen und musste mir so was anhören. Das war entschieden zuviel. Ich zog mich an und verließ den Raum ohne ein Wort.
Eine Woche später war die Kontrolle wieder bei Dr. A. Berufsmässig war es meinem Mann ausnahmsweise möglich mit dabei zu sein. Gottseidank, denn auch diese Untersuchung brachte wieder schlechte Nachrichten: in der Fruchtblase des Kleinen hatte viel zu viel Fruchtwasser angesammelt. Dadurch war der Druck nach unten auf den Gebärmutterhals schon so groß, dass dieser nur mehr durch die Cerclage gehalten wurde. Ich fragte, was das zu bedeuten habe und bekam zur Antwort, dass ich hier bleiben müsste. Wiederum antwortete ich mich einem klaren " Nein ", aber diesmal half es nichts mehr. Ich durfte von der Untersuchungsliege nicht mehr aufstehen. Eine Entlastungspunktion wäre unbedingt notwendig und bei allem Verständnis für unsere Situation wäre es höchst unverantwortlich mich nach Hause zu lassen, war die Antwort von Dr. A. Es gäbe nun einfach keine Alternative mehr, als bis zur Geburt hier zu bleiben. Ich wurde sofort an wehenhemmende Infusionen angehängt und auf die bevorstehende Fruchtwasserpunktion am nächsten Tag vorbereitet. Da eine Punktion aber auch das Risiko birgt, eine Geburt auszulösen, wurde gleichzeitig auch der OP für den Kaiserschnitt in Bereitschaft gesetzt.
Doch die Punktion verlief gut, Fridolin passte an der Bauchseite gut auf uns auf und es setzten keine Wehen ein. Während des Eingriffs sprach ich mit Dr. A über die Aussage seines Vertretungsarztes und er berichtete mir, dass es bei den Dienstbesprechungen einige Diskussionen darüber gegeben habe, warum das Kleine nicht abgetötet werde.
Der Klinikaufenthalt fiel mir diesmal besonders schwer. Denn ich kam mit zwei lebenden Kindern in meinem Bauch hinein, und ich wusste, dass ein Kind sicher tot sein und das zweite hoffentlich leben würde, wenn ich wieder herauskam. Es war ein Kampf mit den Gefühlen. Ständig hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Trauer. Dieser ewige Zwiespalt mit einem Auge lachen und mit dem anderen weinen zu müssen. Aber unseren Kindern schien das ziemlich egal zu sein. Während ich das Bett nur zur Toilette verlassen durfte, strampelten und strampelten sie fast ohne Ende. Besonders unser Kleines. Es war viel lebhafter und temperamentvoller als unser Großes. Fridolin machte auf meinem Bauch wahre Seiltanzaktionen. In solchen Momenten konnten wir trotz aller Bitterkeit auch herzhaft lachen.
Nach zehn Tagen gingen mir die Infusionen ziemlich auf die Nerven. Ich hatte noch nicht eine Wehe gehabt und hing Tag und Nacht durchgehend an diesem blöden Ding. Also bettelte ich Dr. A an, sie mir abzunehmen. Nun gut wir einigten uns auf den 07.11.2002, wenn bis dahin alles ruhig bliebe, würde ich sie loswerden. Aber wie schon so oft, kam es ganz anders.
In der Nacht zum 07.11.2002 (29.SSW) bekam ich ganz leichte Wehen, welche ich zuerst gar nicht als solche wahrnahm. Erst als das Ziehen auch am Morgen nicht nachließ, machte ich mir Sorgen. Und der Wehenschreiber zeichnete tatsächlich Wehen auf. Sofort wurde ich zu Dr. A zum Ultraschall gebracht. Unser Kleines hatte sich schon weit nach unten verkrochen, aber der Muttermund war noch in Ordnung. Ich bekam ein Zäpfchen gegen die Wehen. Aber es wurde nicht weniger, sondern immer mehr. Schon am frühen Nachmittag wurde ich in den Kreißsaal gebracht und an den Wehenschreiber angehängt. Die Wehen kamen schon in sehr kurzen Abständen und Dr. A meinte, er wolle es versuchen, aber es wäre wohl nicht mehr aufzuhalten. Inzwischen kam der Blutbefund der Abnahme vom Morgen: ich hatte einen Wert, der eine Entzündung in der Gebärmutter verdeutlichte. Die Dosis der Wehenhemmer wurde erhöht, Antibiotika gespritzt,... mangels Wirkung die Wehenhemmer getauscht. Aber die Wehen gönnten mir fast keine Verschnaufpause mehr. Mit allem Willen versuchte ich mich gegen die beginnende Geburt zu wehren. Woher ich noch diese Willenskraft aufbringen konnte, weiß ich heute nicht mehr. Ich war am Ende meiner Nerven, aber ich wollte die Kinder noch bei mir behalten. Mit der Maximaldosis an Wehenhemmer gelang es schließlich doch noch, die Wehen langsam wieder zum Abklingen zu bringen. Kurz vor Mitternacht wurde ich wieder auf mein Zimmer gebracht. Ich war voll Hoffnung und Zuversicht, dass sich die Geburt doch noch etwas länger hinauszögern lässt. Als der Oberarzt der Säuglings-Intensivstation am nächsten Morgen zu mir kam, sagte ich noch, ich hätte das Gefühl, es noch mal geschafft zu haben.
Doch schon zu Mittag fingen wieder heftige Wehen an und ich kam wieder in den Kreißsaal zu Dr. A. Laut Ultraschall seien die Kinder in Ordnung, aber die Lage wäre sehr kritisch, meinte er. Als der Blutbefund kam, wurde aus dem sonst so fröhlich optimistischen Arzt ein ernster Mann: Die Entzündung war über Nacht so fortgeschritten, dass das Risiko für das gesunde Kind immens groß sei, sollte es denn überhaupt noch einmal gelingen, die Wehen zu stoppen. Um 15:30 Uhr fiel die Entscheidung den Kaiserschnitt so schnell als möglich zu machen.
In diesem Augenblick blieb mir das Herz fast stehen. Denn ich wusste, dass mit dieser Entscheidung, der baldige Tod unseres Kleinen besiegelt war. Ich musste die Einverständniserklärung für einen Eingriff unterschreiben, der eigentlich das sichere Todesurteil für unser Kind war und dabei spürte ich seine immer noch heftigen Bewegungen. Andererseits hatte ich auch keine andere Wahl, denn auch das Leben unseres Großen stand auf dem Spiel. Als mein Mann kam, weinten wir erst einmal gemeinsam. Er hatte so viele Stunden an meinem Bett verbracht und nun war das bittere Ende, das wir ja unaufhaltsam auf uns zukommen sahen, so nah. Wir riefen unseren befreundeten Priester Herbert an und hofften, dass er es noch rechtzeitig in die Klinik schaffen würde. Wir übergaben Dr. A eine schriftliche Auflistung unserer Wünsche: wir wollten, dass er selbst den Eingriff macht, dass dieser unter PDA gemacht wird (um die Chance unser Kleines lebend sehen können so groß als möglich zu halten), dass unser Kleines eine Schmerztherapie erhalten und sofort getauft werden soll, dass wir Fotos und Abdrücke wollen, dass wir unser Kleines auch sehen und ich es wenn möglich auch stillen möchte, dass unser Großes im Notfall natürlich auch getauft werden soll, dass unser Kleines nicht obduziert werden soll, bis zu meiner Entlassung in der Klinik konserviert werden soll und erst dann zuhause beerdigt werden soll; Und wir haben auch die Namen festgelegt: unser Kleines sollte Sarah oder Elias, unser Großes Julia oder Philipp genannt werden.
Schließlich konnte nicht länger auf Herbert gewartet werden und ich wurde in den OP gebracht. Während ich voll die Wehen hatte, musste ich für den Kreuzstich still sitzen. Aber als dessen Wirkung einsetzte, ging alles sehr schnell. Allerdings: Dr. A wies die Anästhesisten noch an, nur ja auf meinen Hasen aufzupassen- und sie legten ihn mir am Kopf zur Seite. Ich selbst war am Ende und wurde von Weinkrämpfen durchgeschüttelt. Irgendwann merkte ich, dass es nun soweit sein würde. Am Gespräch der Ärzte erkannte ich, dass unser Kleines bereits da war, aber es herrschte hektische Stille und eine Hebamme rannte aus dem OP hinaus. Kurze Zeit später hörte ich ein leises quietschendes jämmerliches Schreien und eine andere Hebamme zeigte mir für einen Augenblick unser Großes aus einiger Entfernung (es wurde sofort auf die Säuglings- Intensivstation gebracht).
Es war nun also vorbei. So lange ich schwanger gewesen war, hatte ich mir immer vorgestellt, ich würde in diesem Moment durchdrehen und total die Nerven verlieren, schreien.... Aber nun da dieser Zeitpunkt gekommen war, wurde ich plötzlich ganz ruhig. Ich konnte nicht mehr weinen, ich hatte keine Tränen mehr. Eine seltsame Ruhe machte sich in mir breit.
Während ich noch versorgt wurde, kam eine Hebamme zu mir und hielt mir unser Kleines hin, sodass ich es sehen konnte und sagte: " Das ist Ihre kleine Sarah! " Ich sah sie an und war überwältigt, ich fand sie so schön. Dass die Hebamme auch sagte, dass sie bereits gestorben sei, nahm ich nicht wirklich wahr. Etwas später durfte dann mein Mann zu mir sitzen. Er war mit Herbert (der es übrigens noch geschafft hatte), und dem Klinikseelsorger in einem Raum nebenan gewesen und hatte dort auf unser Kleines für die Taufe gewartet. Nun sagte er mir, dass wir auch einen großen Philipp hätten.
Wie mir die Hebamme später einmal gesagt hat, hat Sarah nicht selbständig zu atmen begonnen. Sie hatte zwar noch Herzaktionen und reflexartige Bewegungen, welche aber schon nach sehr kurzer Zeit endeten. Weder mein Mann noch ich haben sie noch lebend gesehen. Sie wog 980 g und war 33 cm groß.
Schließlich wurde ich zur Überwachung in den Aufwachraum gebracht, dort bekam ich dann auch zum ersten Mal Sarah in den Arm. Sie hatte die kleine Mütze auf, die wir für sie besorgt hatten. Ihr Augen waren offen, denn sie konnte sie nicht schließen. Ich konnte mich an diesem Kind nicht sattsehen, ich hatte das Gefühl, als würde sie mich ansehen. Mit Sarah auf dem Arm wurde ich wieder in mein Zimmer gebracht. Ich konnte es selbst nicht glauben, wie ruhig ich war. Ich hielt sie und sah sie an, streichelte ihre Hände und ihr Gesicht. Meinem Mann ging es sehr schlecht. Er weinte bittere Tränen, aber ich brachte nicht eine einzige hervor. Wir machten die Fotos und die Stempelabdrücke von jeweils einem Händchen und einem Füßchen. Sie war einfach perfekt und wunderschön. Ich hatte nicht den Eindruck, als ob sie tot sei - sie sah so lebendig aus mit ihrem leichten Lächeln auf den Lippen. Für eine kurze Zeit nahm ich ihr auch die Mütze ab. Auf einem kleinen Fleckchen hatte sie viele ganz dunkle Haare. Wir legten Fridolin neben Sarah und ließen ihn noch ein letztes Mal sein Lied für sie spielen, das sie offensichtlich so geliebt hatte. Schließlich sagten wir unserer kleinen Sarah " Lebewohl ", legten sie zurück in ihr Bettchen und ließen sie holen. Sogar als sie aus dem Zimmer geschoben wurde, blieb ich ziemlich ruhig.
Mein Mann ging noch zu Philipp auf die Intensiv- Station. Er griff in den Brutkasten und Philipp umfasste mit seinem winzigen Händchen Papas Finger. Mit einem (unter diesen Umständen so gut als möglichen) strahlendem Gesicht kam mein Mann mit einem Foto von Philipp in der Hand wieder zu mir.
Über Nacht verschlechterte sich mein Zustand drastisch. Ich bekam hohes Fieber, war sehr schwach und hatte starke Schmerzen. Dr. A kam am nächsten Morgen zu mir und erklärte mir, dass es bei der OP selbst auch Komplikationen gegeben hatte. So waren durch die Wärme der Gebärmutterentzündung die Blutgefässe geweitet und ich verlor soviel Blut, dass ich eine Konserve bekommen musste. Und da Sarah schon so weit nach unten abgerutscht gewesen war, wurde dann bei der Geburt die Gebärmutter ein wenig eingerissen. Und zu allem Überfluss musste wegen der Entzündung dann auch noch eine Ausschabung gemacht werden. Mein Zustand kam also nicht von ungefähr. Erst am dritten Tag nach der Geburt, war ich fähig, mit Unterstützung in den Sitzwagen zu steigen und mich für kurze Zeit zu Philipp fahren zu lassen. Es war herrlich, endlich unser Kind im Arm halten zu können.
An den ersten beiden Tagen nach der Geburt, wurde ich öfters gefragt, ob ich Sarah noch mal sehen wollte, aber ich verneinte stets.
Nach fünf Tagen war ich endlich fieberfrei und so langsam hatte ich das Gefühl, aus meinem Trancezustand zu erwachen. Ich begann zu realisieren, was eigentlich geschehen war und wollte nur noch schreien. Stunde um Stunde lag ich im Bett und heulte. Schließlich wurde mir klar, dass ich Sarah noch einmal sehen musste. Ich musste ihren Tod bewusst wahrnehmen, mich bewusst von ihr verabschieden und ihren Tod wirklich begreifen, was mir am Abend der Geburt einfach nicht möglich gewesen war. Zehn Tage nach der Geburt wurde mir Sarah noch einmal ins Zimmer gebracht. Dass dies möglich war, habe ich der Hebamme zu verdanken. Mein Mann war auch dabei. Es fiel mir dieses zweite Mal nun unendlich schwerer. Ich " be-griff " und sah, dass Sarah tot war und sagte ihr all das, was mir auf dem Herzen lag. Zitternd und heulend hielt ich sie in meinem Arm und als nach zwei Stunden die Hebamme kam um sie wieder zu holen, wollte ich sie nicht mehr loslassen. Als sie zur Tür hinausgetragen wurde, glaubte ich, zerreißen zu müssen. Dennoch spürte ich auch, dass dies sehr wichtig gewesen war, und als ich mich später wieder etwas beruhigt hatte, fühlte ich mich erleichtert.
Während der vielen Gespräche, die ich mich Dr.A noch nach der Entbindung führte, kamen wir nochmals auf die Diskussionen über unser Kleines zu sprechen. Und er erzählte mir, dass er sich als mein behandelnder Arzt manchen Kollegen gegenüber fast dafür rechtfertigen und verteidigen hatte müssen, warum denn unser Kleines nicht abgetötet worden sei. Dr.A war es aber auch, der uns dazu überredete, doch die Obduktion durchführen zu lassen. Anhand des pathologischen Befundes und einer anschließenden genetischen Beratung könne man das Wiederholungsrisiko einschätzen. Wir willigten also ein, was mir heute aber sehr leid tut für unser Kleines.
Dass sich die Operationswunde auch noch entzündet hatte, war nur mehr das Tüpfchen auf dem I meines Klinikaufenthaltes. Zuletzt bekamen wir Sarahs Taufkerze, welche von der Klinik zur Verfügung gestellt worden war, mit nach Hause.
Am 25.11.2002 wurde ich aus der Klinik entlassen und auf dem Heimweg besorgten wir noch eine Bekleidung für Sarah. Ich stand im Geschäft und heulte die Verkäuferin an. Drei Tage später war die Beerdigung für Sarah angesetzt. Ich brachte dem Bestatter also das Gewand, die Holzkreuze, die mein Mann und ich stets getragen hatten und die Objektträger von Salome (Dr. S war so nett gewesen und hat uns diese vom Pathologen schicken lassen) - so sollten unsere beiden Kinder zusammen sein. Herbert hielt eine Engelmesse für unser kleines Mädchen, die wir im Familienkreis feierten. Ein befreundetes Musikerehepaar gestaltete die Messe sehr würdevoll und schön. Während der Messe brannten auf dem Altar unsere Hochzeitskerze (sie trägt die Aufschrift " Ich bin bei Euch "), Sarahs Taufkerze und eine große Kerze mit einem Engel, die meine Mutter machen hatte lassen. Anschließend wurde Sarah im Familiengrab beigesetzt. Wie schwer es ist, hinter dem kleinen weißen Sarg seines eigenen Kindes nachgehen zu müssen, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Es schien meine Kraft zu übersteigen, als mir der Bestatter das Weihwasser reichen wollte, aber es gab kein Entrinnen.
Im nachhinein bin ich sehr, sehr froh, dass wir alles so gemacht haben. Wir haben alles für dieses Kind getan, was wir tun konnten. Wir haben dieses Kind von ganzem Herzen geliebt und haben auf unsere Weise Sarah diese letzten Liebesdienste erwiesen. Es fällt mir oft sehr schwer an sie zu denken und nicht sofort loszuheulen, aber ich bin auch unendlich dankbar für diese - wenn auch grausame - Erfahrung. Sie hat uns auch sehr viel Freude geschenkt - mit ihrem starken und fast unaufhörlichen Strampeln, das uns ewig in Erinnerung bleiben wird.
Philipp hatte ein Geburtsgewicht von 1.100g und war 38 cm groß. Er war bis zum 26.11.2002 auf der Säuglings-Intensivstation und musste dann noch bis 07.01.2003 auf der Nachfolgestation bleiben. Meine letzte Hoffnung auf irgendetwas Positives rund ums Kinderkriegen war das Stillen. Doch auch diese wurde mir nicht erfüllt. Zuerst war Philipp zu klein um voll gestillt zu werden (er hat zum Großteil die abgepumpte Muttermilch mit der Flasche bekommen weil das weniger anstrengend ist) und dann musste ich bedingt durch eine Nierenbeckenentzündung einige Tage ganz aussetzen- danach wollte er an der Brust nicht mehr trinken - so habe ich dann ausschließlich abgepumpt, aber das hat für mich mit Stillen nichts mehr zu tun. Nun mit einem halben Jahr hat er sich toll entwickelt und bringt schon stramme 5200g auf die Waage und Fridolin ist immer noch an seiner Seite. Aber wir haben viele Wochen gebraucht, um es übers Herz zu bringen und seine Spieluhr aufzuziehen- und selbst nach dieser Zeit haben wir beim ersten Ton geweint. Zu sehr sind mit dieser Melodie die Erinnerungen an Sarah verbunden.
Meistens wenn ich mit jemandem über unsere Kinder ins Gespräch komme, höre ich dann, dass wir es ja gewusst hätten, dass eines sterben würde und dass es dann ja durch die mögliche Einstellung darauf, auch nicht so schlimm sei. Oder aber auch, dass wir ja doch so froh, dankbar und zufrieden sein müssten, dass wir doch wenigstens ein Kind hätten.
Ja das stimmt natürlich, Philipp ist unser großer Sonnenschein. Aber auch er kann und soll niemals ein Ersatz für Sarah sein. Ich kann doch nicht die Freude über Philipp mit der Trauer über Sarah aufwiegen! Es waren zwei Kinder und die werden sie immer bleiben. Und all jenen, die mir nach der ersten Fehlgeburt die " Schreckensvision " eines ausgetragenen verstorbenen Kindes zum " Trost " hinhielten, könnte ich heute noch an den Kragen gehen.
Aber mittlerweile sage ich außer meinem Mann auch gar niemandem mehr, wenn es mir schlecht geht, denn jeder andere will mir nur einreden wie gut es mir doch eigentlich geht. Dass von den körperlichen und mentalen Strapazen seit Beginn unseres Kinderwunsches auch die Kräfte einmal am Ende sind, scheint niemand wirklich zu begreifen oder sehen zu wollen. Am Rande sei noch erwähnt, dass während meiner Schwangerschaft bei meinem Opa ein Tumor diagnostiziert und operiert wurde, meine Schwiegermutter Schwierigkeiten mit dem Herzen hatte und eine ihrer Schwestern durch die Verletzungen nach einer Schlammlawine fast ums Leben gekommen wäre. Und die Anspannung lässt immer noch nicht nach: Philipp hängt noch an einem Überwachungsgerät, das die Herz- und Atemfrequenz misst und auch da gibt er immer wieder Alarm.
Statt einer Beileidsbekundung sagte ein Bruder meiner Schwiegermutter nach dem Begräbnis einfach " Schutzengelmama " zu mir. Zuerst war ich etwas erschrocken, aber diese Vorstellung gefällt mir. Ich hoffe, dass es mir irgendwann gelingt, mich nicht mehr überwiegend als trauernde Mama, sondern auch als ein bisschen stolze Schutzengelmama zu sehen.
Das nachfolgende Gedicht war ein Teil unserer Geburtsanzeige. Ich habe es in der Klinik geschrieben, als ich noch schwanger gewesen war. Ich bin mir ganz sicher, dass Sarah meine Gedanken gefühlt hat- denn so heftig wie damals hatte sie vorher noch nie gestrampelt.
SARAH
Viel zu kurz war Dein Leben-
Und doch sind wir dadurch reich geworden.
Reich an Gefühlen und Erinnerungen.
Du hast Dich bemerkbar gemacht-
Mit vollem Temperament.
Wir haben es gesehen und gefühlt.
Als wolltest Du uns beweisen, wie sehr Du lebst.
Als wolltest Du Dich unauslöschlich in uns einprägen.
Das ist Dir gelungen.
Du hast Spuren in unseren Herzen hinterlassen-
Sie werden niemals vergehen.
Andrea Simon, Österreich
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