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Gabriel Graser Costa

 
16.12.2004 21:00 – 22:00


„Die meisten Menschen träumen nur von Engeln, 
wir haben das Glück, einen persönlich zu kennen“


„Frauen verstorbener Männer nennt man Witwe
Männer verstorbener Frauen nennt man Witwer
Kinder verstorbener Eltern nennt man Waisen
Eltern verstorbener Kinder haben keinen Namen, 
denn der Schmerz ist unbenennbar und niemand ist darauf vorbereitet.“



Es ist nun schon 2 Jahre her, seit der Geburt und dem Tod unseres ersten Sohnes Gabriel. Die Zeit vergeht, der abgrundtiefe, zerreissende Schmerz weicht zurück, doch die Sehnsucht bleibt bestehen. Die Sehnsucht, mein Kind zu umarmen und ihm meine Liebe zu geben, ihn spüren zu lassen wie sehr ich ihn liebe, durch Umarmungen, Küsse, Streicheleinheiten; durch Schimpfe, wenn er etwas angestellt hat, Trost, wenn er traurig ist. Ja, auch die Liebe bleibt und sie wird nicht kleiner, auch nicht weniger fassbar, sie ist immer da, die absolute und bedingungslose Liebe. Die Liebe, die einfach ist, so wie Gott. Ich kann sie nicht materialisieren, ich kann ihr nicht durch meinen Körper Ausdruck geben, aber ich kann sie leben, ich kann sie flüstern, ich kann sie träumen und das Wichtigste ist: ich kann sie aussprechen, denn sie hat einen Namen und sie hat ein Gesicht: Gabriel.

Während ich diesen Bericht verfasse, kullern mir immer wieder Tränen über die Wangen, es sind Tränen die sehr viele Gefühle in sich tragen: die Sehnsucht, die Liebe die Trauer, die Dankbarkeit und Freude. Ja, auch die Dankbarkeit und Freude, nämlich, die Mutterliebe spüren zu dürfen, die Freude mein Kind getragen zu haben, ihm das gegeben zu haben, was jeder Mensch braucht um zu leben um zu reifen und um in Frieden zu sterben: Liebe.
Ich möchte keine Sekunde mit meinem Sohn missen, auch die schlimmsten und traurigsten nicht, denn sie sind Teil meines Lebens und unserer Geschichte zusammen und sie sind von Innigkeit und Verbundenheit geprägt.

Gabriel ist mein grösster Lehrer. Durch ihn habe ich erfahren, was Liebe zu geben wirklich heisst, ihm habe ich zu verdanken, wer ich heute bin, die Reife die ich erlangt habe, die Ruhe und Zuversicht die mich tragen, der tiefe Glaube der mich immer nach vorne schauen lässt, der mich trägt, auch wenn ich einknicke. Durch Gabriel durfte und darf ich spüren was es heisst, von Gott getragen zu werden, Er verlässt uns nie, wir müssen nur unser Herz öffnen und fähig sein zu hören. 

Gabriels Schwangerschaft war ungeplant.... aber so gewollt vom ersten Moment an!
Im Mai 2004 erfuhr ich, dass ich schwanger war, ich war bereits im 2. Monat. Ich verspürte keine Übelkeit, keinen Schwindel, nichts ausser ein wenig Sodbrennen, doch das störte mich weiter nicht. Sein Herzlein hatte ich bereits bei einem Untersuch gehört, es schlug ganz schnell und die Ärztin meinte beim Untersuch: Sei still da drin, du bist sicher ein Junge, lebhaft wie du bist“. Es war wie Musik in meinen Ohren! Sein Herzlein schlug so schön, es KONNTE einfach nur alles gut sein!

Im August 2004, etwa im 4.Monat hatte ich den ersten Ultraschall und ca. eine Woche davor, hatte ich einen Gedankenblitz gehabt: aus dem Nichts kam mir das Wort „Anencephalie“, ich hatte bloss Zeit ein Stossgebet zu machen und zu bitten „lieber Gott, bitte lass das nicht wahr sein.“ So wie der Gedanke gekommen war, war er auch wieder weg, ich sagte meinem Mann nichts davon, denn ich war gar nicht fähig, diesen Gedanken wirklich zu behalten, er war einfach weg. Eine Woche später fuhr ich zum Ultraschall, ich war nicht aufgeregt, denn es ging mir so gut, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, mit meinem Kind könne etwas nicht in Ordnung sein. Ich wollte auch nicht wissen, ob es ein Junge oder Mädchen ist, das würde ich erst später fragen, bei einem Ultraschall bei dem mein Mann dabei wäre und die Ärztin dürfte es nur ihm sagen, denn ich wollte überrascht werden. Mein einziger Wunsch war, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen...
Die Ärztin begann den Untersuch, sagte kein Wort, es war eine sehr junge Ärztin. Auf einmal hielt sie inne, schwenkte den Sensor auf meinem Bauch hin und her, klopfte, drückte und sagte: Etwas stimmt nicht. Ich wollte natürlich wissen, was nicht stimmt und bat um Erklärung, worauf sie einfach sagte: Ihr Kind hat keinen Kopf. Das war ein Schlag ins Gesicht, ich weiss heute noch nicht, wie ich meine Fassung behielt, ich war alleine, niemand um mich zu halten und sie schmiss mir so eine Botschaft einfach hin. Ich fragte gefasst und irgendwie leicht ironisch, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten soll: wie denn, ist es nur ein Rumpf und Glieder? Die Ärztin bemerkte glaube ich ihr ungeschicktes Verhalten und versuchte zu verbessern: Wissen Sie, wenn das Baby nicht den ganzen Kopf hat? Wenn die Schädeldecke fehlt? Worauf ich mit „Ja, Anencephalie“ antwortete. Sie sagte kein Wort, gab mir ein Papiertuch um das Leitgel vom Bauch abzuwischen, schaute mich nicht an, sagte, ich soll im Wartezimmer warten, denn sie werde den Bericht an meine Ärztin schreiben. Als der Bericht fertig war, wurde ich von der Arztgehilfin gerufen, die Ärztin liess sich nicht mehr blicken.

Ich kehrte ins Restaurant zurück das ich mit meinem Mann führte und überbrachte ihm die Nachricht. Es war so unfassbar! Im ersten Moment nahm er mich in die Arme und sagte: Weine nicht, wir werden noch andere Kinder haben!

Die darauffolgenden Wochen waren schlimm. Ich ging zur Ärztin, sie wies mich sofort für einen morphologischen Ultraschalluntersuch ein, doch da meine Krankenkasse den Ultraschall nicht bezahlte, musste ich ihn selbst bezahlen und hier in Brasilien ist die Bürokratie zuvorderst. Es war einfach schlimm, bis ich ENDLICH meinen Termin hatte. Mein Mann begleitete mich zum Untersuch und kaum hatte die Ärztin den Scanner auf meinem Bauch, bestätigte sie auch schon die Diagnose. Es gab kein Wenn und Aber... Nun wollten wir wissen, ob es Junge oder Mädchen ist und als sie einen Jungen bestätigte (mein Mann behauptete von Anfang an es sei ein Knabe), weinte auch er.

Meine Ärztin wusste nicht richtig Bescheid, so machte ich mich selbständig auf um Unterstützung zu bekommen und stiess auf eine öffentliche Gesundheitsstelle, die Begleitung bei Risikoschwangerschaften anbietet.
Der erste Termin war sehr vielversprechend, die Krankenschwester die mich empfing war auf derselben Wellenlänge und es war ein wunderbares Gespräch. Sie fragte mich, ob ich mein Kind austragen oder die Schwangerschaft unterbrechen werde. Es war für mich von Anfang an klar, dass ich meinen Sohn austragen würde, seine Zeit war von Gott bestimmt, falls er in meinem Leib ableben sollte, war dies Gottes Wunsch und Gabriels Zeit, falls nicht, würde er so lange leben wie es für ihn bestimmt war.
In Brasilien ist der Unterbruch strafbar, er wird nur in zwei Fällen gestattet: Bei einer Schwangerschaft aufgrund einer Vergewaltigung oder wenn das Leben der Mutter gefährdet ist.
Wir würden zuerst Paartherapie bekommen und danach in eine Gruppe aufgenommen, so wären wir während der ganzen Schwangerschaft begleitet. Leider geschah dem nicht so, einige Therapiestunden fanden statt, dann war die Psychologin plötzlich in den Ferien. 

Wir waren also allein. Zudem kam, dass meine Eltern in der Schweiz, bzw. in Portugal wohnen, sie waren also auch nicht hier. Mein Bruder konnte den Gedanken, dass seine Schwester ein zum Tode verurteiltes Kind trug, nicht ausstehen und wendete sich von mir ab, ich hatte auch keinen Kontakt mehr zu meinen Nichten. Er meinte, mit einem Unterbruch wäre alles geregelt, verstand nicht, warum man Märtyrerin „spielt“ und sich aussucht, während 5 Monaten zu leiden, für ein Kind, das nicht leben wird! Die Familie meines Mannes hat uns so gut wie es ging getragen, doch niemand hatte wirklich die notwendige Standhaftigkeit um einfach zu sagen: ihr könnt euch an uns anlehnen, wir halten euch.

Ich fühlte mich sehr, sehr allein und es ist heute noch das Gefühl, dass das Schwierigste zu ertragen ist: Das Gefühl der Einsamkeit, des Nirgend-anlehnen-können, ein riesiges Vakuum.
Mein Mann kann mit solch starken Gefühlen nicht wirklich umgehen und überliess ziemlich alles mir. Er umarmte mich zwar wenn ich es brauchte, aber er konnte und wollte nicht wirklich über Gabriel sprechen. Aber er war immer da und das war das Wichtigste!
Dass ich es gut managen konnte habe ich vor allem meiner Mutter und meiner Herzensfreundin Simone in der Schweiz zu verdanken. Auch wenn sie weit weg waren und sind, so sind sie doch die grösste Stütze, bis heute. Die Menschen, die sich abgewendet hatten meinten: Was soll ich denn sagen? Wie soll ich reagieren? Gar nicht, denn niemand weiss, was „man“ in so einer Situation sagen wie „man“ sich verhalten soll. Was ist richtig? Da zu sein, die Gefühle der Betroffenen ernst zu nehmen, nicht Angst haben zu sagen: ich bin überfordert, aber ich möchte etwas tun, oder ich bin in Gedanken bei dir, ich fühle mit dir, was auch immer!!!

Ich habe einen kleinen Ausschweifer gemacht, doch das Thema ist sehr wichtig und es kommt hier in Brasilien viel zu kurz. Zu oft werden die Seelen solcher Eltern zerstümmelt, weil sie nicht die nötige Unterstützung erhalten, nicht getragen werden. Von einer Betreuung, die aus mehreren Berichten dieser Homepage zu lesen ist, können wir momentan nur träumen. Doch das ist ein zweites Kapitel Gabriels Daseins, seine Aufgabe ist noch nicht ganz erfüllt!

Wir versuchten so gut es ging mit allem zurecht zu kommen. Ich genoss jede Sekunde mit meinem Bub, suchte nach Namen und entschied mich schliesslich für Gabriel. Engel Gabriel, Überbringer der freudigen Botschaft! Ich spüre heute noch den Moment, in dem sich Gabriel drehte, die Bestätigung kam beim nächsten Ultraschall. Das war etwa Mitte sechsten Monats. Wir dachten sogar, dass er sich vielleicht schon auf den Weg machte, doch nichts geschah. Mein Bauch wuchs, es ging mir nach wie vor sehr gut, ich war so stolz auf meinen Bauch und es war komisch ihn nicht mehr einziehen zu können, wenn ich zwischen zwei Stühlen oder so hindurch musste. Ich sang Gabriel vor, liebkoste meinen Bauch unendliche Male und mein Mann fragte immer wieder: hüpft er sehr? Gabriel war sehr lebendig, liebte es mit seinen Füsschen meine Blase zu treten!

Mein Mann erhielt ein Stellenangebot im Norden Brasiliens, von der Schulgemeinde aus seiner Heimatstadt, als Schulleiter. Da ich sowieso nach Gabriels Geburt zu meiner Mutter gehen würde um etwas aufzutanken, sagte er zu, er musste jedoch schon im Januar dort sein und Gabriels Geburtstermin war für Anfang Januar. 
Es bestand die Möglichkeit, die Geburt in den letzten Wochen einzuleiten, da eine Einleitung sehr wahrscheinlich notwendig war, aufgrund mangelnden Druckes der fehlenden Schädeldecke. Da auch die Einleitung als Unterbruch galt, mussten wir eine richterliche Beglaubigung einholen, das kostete so viel Energie, ich möchte deshalb auch gar nicht darauf eingehen. Am 14. Dezember konnte ich dann ins Spital, mit richterlichem Entscheid. Der Zeitpunkt war richtig, denn der Muttermund war bereits 3 cm geöffnet. Es war alles so wie es sein sollte.

Aber der Horrortrip begann erst. Die untersuchende Ärztin war ein Rüpel. Ich wurde dann auf die Station eingewiesen, mein Mann bleib bei mir. Sie wollten mich sofort einweisen, in das Vorgeburtszimmer und dort dürfen die Männer nicht hinein. Ich erschrak und bat noch etwas im Gang zu bleiben. Die Schwester steckte mir also den Zugang für den Tropf, über den ich das Wehenmittel bekommen sollte. Ich solle schön hin und hergehen im Gang, das würde alles beschleunigen. So gegen 17 Uhr musste mein Mann ins Restaurant, ich wurde vergessen und erst gegen 20 Uhr hereingerufen. Ich bekam den Tropf angehängt und das war’s. Neben mir lagen eine Frau die einen Spontanabort erlitten hatte und eine andere Frau die eine Einleitung machen musste, weil sie zu wenig Fruchtwasser hatte. Ich weiss nicht wie, aber ich konnte irgendwann einschlafen und wachte am anderen Tag mit einem dicken Arm auf. Der Zugang war nicht richtig gelegt, es fing alles von vorn an. Ein neuer Zugang wurde gelegt, mein Mann sagte, er wäre bereits von früh an im Gang, wenn ich ihn brauchte, solle ich rufen. Er war nicht da. Ich wurde untersucht, Medizinstudenten standen um mein Bett herum und wurden belehrt „Fall eines Anencephalus mit Geburtseinleitung“. Mir kam der Film „Patch Adams“ in den Sinn und ich sagte: ich bin Christine und mein Sohn heisst Gabriel. Das war wichtig für mich. Der Morgen verging, die Besuchszeit kam näher und ich dachte, mein Mann käme. Die Besuchszeit verging, der Mann meiner Nachbarin war da, ich fragte ihn, ob draussen nicht noch wer sei, er ging schauen, doch es war niemand da. Ich begann zu weinen. Eine Schwester wies mich zurecht: „weine nicht, du beschädigst dein Kind“. Das war ein Schlag ins Gesicht. Von Begleitung, von Trost, von Anteilnahme nicht die Rede. Ich fragte, ob ich telefonieren dürfe. Nein, ich darf nicht aus dem Bett, nicht weg vom Tropf, aber es tut sich ja gar nichts. Das Wehenmittel tropft und tropft und tropft und nichts geschieht. Nur ein leichtes Ziehen. Irgendwann gegen 18Uhr halte ich es nicht mehr aus und bitte unter Tränen eine Schwester doch meinen Mann anzurufen, wenn ich schon nicht darf. Sie ruft ihn an, er ist auf dem Weg. Der Tag war chaotisch im Restaurant, er konnte nicht weg. Als er endlich kommt, ist es wie ein Erlösung. Er hat mir ein Buch mitgebracht, damit ich die Zeit besser verbringe. Er lässt mir sein Handy da, damit ich ihn anrufen kann. In der Nacht muss ich mein Bett räumen, eine Notfallpatientin kommt. Ich kann es nicht fassen, hat denn niemand ein wenig Mitgefühl? Ich muss auf die Wöchnerinnenstation, aber zum Glück nicht in ein Zimmer, in dem es nur Mütter gesunder Kinder hat. Eine Mutter ist auch am Wehentropf, ihr Kind ist im 5. Monat in Uterus gestorben. Sie ist Herzpatientin und die starken Medikamente waren für das Kind tödlich. Eine andere Mutter ist mit Zwillingen schwanger, bei einem hat man den Verdacht auf Hydrocephalus. In meinem egoistischen Schmerz denke ich: Wenigstens wird ihr Kind leben. Ihr Bauch ist wunderschön, so gross! Eine dritte Frau hat zu wenig Fruchtwasser und ist in Beobachtung. In der Nacht gebärt die Frau des gestorbenen Kindes ihren Sohn. Sie hat ihn kurz gesehen, wurde aber nicht gefragt, ob sie ihn beerdigen wolle, sondern sie haben ihn einfach für medizinische Zwecke benutzt. Ohne zu fragen. Die Frau ist arm, ungeschult und ist sich ihrer Rechte überhaupt nicht bewusst. Ich bin entrüstet! Wie wird sie ihren Schmerz verkraften? Erarbeiten? Die Psychologin, die eigentlich vorbeikommen sollte kommt auch nicht, niemand hat eine Ahnung oder ist fähig mit meiner Situation umzugehen! Am nächsten Morgen geht es eine Ewigkeit, bis ich wieder an den Tropf kann. Ich muss mich bemerkbar machen, bis ich wieder ins Vorgeburtszimmer darf.
Irgendwie habe ich nicht so eine genaue Erinnerung an den Rest des Tages. Auf jeden Fall beginnt das Wehen mittel so gegen Mittag zu wirken, ich habe relativ erträgliche Wehen, die sich am Nachmittag sehr stark anziehen. Ich weiss nicht mehr, ob mein Mann am morgen bei mir war oder nicht. Die starken wehen werden von starker Übelkeit begleitet, doch niemand scheint dies zu bemerken. Als der Arzt, der einen anencephalen Bruder hat, auf Visite kommt und sieht, dass ich mich dauernd übergebe, lässt er mir ein brechreizstillendes Mittel geben. Das wirkt. Als er wieder weg ist und das Mittel nachlässt, unternimmt jedoch niemand mehr etwas. Ich bin allein. Tagsüber bitte ich immer wieder darum unter die Dusche zu dürfen, denn ich weiss, dass mir das warme Wasser auf den Bauch gut tut, ich bin es von Koliken gewohnt. Das hilft ein wenig. Irgendwann rief meine Mutter auf das Handy an, sie hatte es mehrmals versucht, doch ich hatte es auf vibrieren gestellt um nicht zu stören. Ich bin mitten in den Wehen und sie wünscht mir einfach alles, alles Gute! Mein Mann kommt so gegen 19 Uhr, er bleibt bis 20 Uhr, das weiss ich genau. Die Ärzte sagen, wenn sich bei mir immer noch nichts tut, hängen sie mich noch einmal vom Tropf ab und machen morgen weiter. Niemand hat meine Muttermundöffnung untersucht, es weiss niemand wie weit vorgeschritten die Geburt ist. Ich weiss es am wenigsten, es ist mein erstes Kind. Doch ich denke nicht, dass es dauern wird, aber die Ärzte sagen es und so geht mein Mann nach hause. Eine halbe Stunde später, um 20:30 springt meine Fruchtwasserblase. Ich bat gerade um ein wenig aufzustehen und herumzugehen, denn das hilft. Mein Mann ist weg, ich kann ihn nicht anrufen, ich kann gar nicht denken! Die Ärztin schimpft mit mir, sagt ich soll sofort aufs Bett, dann untersucht sie mich und sagt: sein Kopf ist schon unten! Ich werde sofort vorbereitet, in den Kreissaal gebracht, ich weiss gar nicht wie mir geschieht. Ich habe diesen Moment so ersehnt, ich werde meinen Sohn kennen lernen, und so gefürchtet, nun muss ich ihn loslassen! Wie tut das weh! Der körperliche Schmerz ist so ertragbar gegenüber dem abgrundtiefend, zerreissenden Seelenschmerz! Während einer Presswehe lasse ich einen Schrei los, die Ärztin schimpft mich an, ich soll nicht schreien. Wie soll ich nicht schreien, wenn ich mein Kind hergeben muss? Wie soll ich nicht schreien, wenn es mich innerlich zerreisst? Was denkt denn diese Frau? Um 21:00 Uhr ist Gabriel da. Er weint nicht. Die Stille ist unerträglich. Niemand sagt etwas, Dei Ärztin geht heraus ohne ein Wort zu sagen. Sie meint bloss, die Hebamme werde die Nachgeburt abwarten, ich solle liegenbleiben. Die Schwester fragt mich, ob ich meinen Sohn sehen will. Wie kann sie das fragen??????

Sie zeigt ihn mir, er ist eingewickelt. Ich bitte sie, das Tuch aufzuschlagen, ich will ihn ganz sehen. Er ist so hübsch! Ich sage zur Schwester: Er hat des Vaters Mund! Er ist so schön mein Gabriel. Ich streiche ihm über den Bauch, fühle ein wenig seine Haut. Er ist schwach, sein Äuglein geöffnet doch unbeweglich, der Mund auch halb geöffnet. Eine ungewöhnliche Ruhe umgibt mich. Ich weine nicht, ich verspüre keine Trauer. Nicht in diesem Moment. Ich kann alles gar nicht fassen. Die Schwester sagt, sie werde ihn mitnehmen und in den Brutkasten legen, er sei schon sehr schwach. Ich will ihr sagen, sie soll ihn in meine Arme legen, er soll in meinen Armen sterben, doch ich getraue mich nicht. Das ist so schlimm! Ich werde auf eine Liege gelegt und in den Gang geschoben. Irgendwie verlange ich nach meinem Handy, ich rufe meinen Mann an. Er ist soeben zuhause angekommen. Er fragt voller Erwartung, immer noch mit dem letzten funken Hoffnung, es sei alles in Ordnung. Ich sage bloss, es ist wie es ist.

Ich werde im Gang vergessen, irgendwann schiebt man mich auf die Wöchnerinnenstation, in das Zimmer, das ich schon kenne. Ich bin benebelt und irgendwann döse ich ein wenig. Mein Mann kommt gegen Mitternacht. Er hat Gabriel gesehen, er ist schon gestorben. Ich war nicht bei ihm. Mein Mann hat ihm seine Augen geschlossen. Die Schwester fragte ihn, ob wir Gabriel für medizinische Zwecke freigeben. Er ging ihr fast an die Gurgel. Ich sage, ich will meinen Sohn nochmals sehen, denn mir wird plötzlich klar, dass sie ihn in den Kühlraum bringen werden. Sie hätten das getan ohne mich zu benachrichtigen!!! Die Schwester meint, das ginge nur, wenn ich im Rollstuhl hinginge. Wie auch immer, ich WILL ihn nochmals sehen. Ich bin plötzlich ganz wach. Ich werde zur Säuglingsabteilung gebracht. Da liegt er. Mein Gabriel, ich nehme ihn aus der Schale heraus und halte ihn zum ersten und letzten Mal in meinen Armen. Aber nicht das letzte Mal im Herzen, da ist er für immer und ewig. Seine Wunde hat etwas Flüssigkeit abgegeben. Er ist noch ein bisschen beweglich. Er hat wunderbare grosse Hände und Füsse. Mein Mann sagt: schau, das sind sie, die dich immer getreten haben und gehüpft sind. Irgendwie bin ich so geistesgegenwärtig, dass ich den mitgebrachten Fotoapparat verlange und Gabriel fotografiere. Die Schwestern sind überrascht: Das hat bis anhin noch niemand gemacht, sie wissen gar nicht, ob ich das darf! Heute bin ich so froh um diese Bilder!
Danach bringen sie mich wieder auf die Station, ich darf duschen, denn ich fühle mich gut und bin auf den Beinen.
Am nächsten Tag darf ich nach Hause. 

Nun muss ich Gabriels Beerdigung organisieren. Wir gehen auf das Bürgeramt und registrieren Gabriel. Er bekommt eine Geburtsurkunde, denn er hat gelebt. Von da aus gehen wir direkt zum Bestattungsinstitut. Ich hatte vorher alles genau geplant, damit wir wissen, was wir machen müssen. 

Gabriels Beerdigung findet am Samstag, den 18.12.2004 statt. Es ist niemand anwesend ausser mir und meinem Mann. Wir fahren hinter dem Bestattungswagen her, der Gabriels kleines, weisses Särglein trägt. Es ist so schlimm!
Auf dem Friedhof kauft mein Mann wunderschöne Blumen, mit denen wir Gabriel beschmücken, rundherum im Särglein. Schaulustige kommen und sehen mein Kind. Es ist unerträglich! Ein Mann beginnt mit mir zu diskutieren, mein Kind sei aber gross für ein Neugeborenes und meint das sei ungewöhnlich. Ich halte es nicht aus, bitte meinen Mann den Sarg zu schliessen und Gabriel zu beerdigen. Gabriels Vater trägt den Sarg. Ich werde dieses Bild nie vergessen. Es ist zugleich Sinnbild für Liebe und Trostlosigkeit. Wir müssen zum Kinderareal, es ist ein öffentlicher Friedhof. Mein Mann legt den Sarg in die Grube, wir geben Erde darauf und beten. Der Gräber schüttet das Grab zu. Mein Engel Gabriel.

 

Christine Graser und José Nilton Pereira Costa

 

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Fotos von Gabriel



Wie werden Engel geboren

Du kamst,
du gingst mit leiser Spur.
Ein flüchtiger Gast im Erdenland.
Woher-Wohin
Wir wissen nur:
Aus Gottes Hand - in Gottes Hand

Wie werden Engel geboren,
Damit sie so rein sind
Damit sie so schön sind
Damit sie so geliebt werden?

Ich kenne einen kleinen!
Geboren als Frucht der Liebe
Vereint mit der Freude der Erwartung
Engel geworden in der Trauer des Abschieds

Es wurden ihm nicht Jahre gegeben
Aber nur Stunden um Herzen zu erobern
Er durfte nicht weinen
Sondern nur schweigen und warten

Es wurde ihm aber gegeben
Geliebt zu werden
Weil er da war
Beweint zu werden
Weil er uns verlassen hat

Heute ist er ein Engel
Der, erleuchtet, all jene trösten will
Die um ihn weinen
Die auf ihn warten
Die ihn suchen

Er ist die Frucht jener Liebe
Der er geschenkt wurde
Die verstanden hat
Die ihm aus Liebe ermöglicht hat
Ein Engel zu werden


„Wenn etwas von uns fortgenommen wird
womit wir tief und wunderbar zusammenhängen
so ist viel von uns selber auch mit fortgenommen
Gott aber will
Dass wir uns wieder finden
Reicher um alles Verlorene
Und vermehrt um jenen unendlichen Schmerz.“

Rainer Maria Rilke

 

 

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