Gabriel Graser Costa

16.12.2004 21:00 – 22:00
"Die meisten Menschen träumen nur von Engeln,
wir haben das Glück, einen persönlich zu kennen"
„Frauen verstorbener Männer nennt man Witwe
Männer verstorbener Frauen nennt man Witwer
Kinder verstorbener Eltern nennt man Waisen
Eltern verstorbener Kinder haben keinen Namen,
denn der Schmerz ist unbenennbar und niemand ist darauf vorbereitet.“
Heute
ist der 26. August 2009. Schon bald sind 5 Jahre vergangen, seit
Gabriels Geburt und Tod. Wie ich die Zeilen las, die ich im Jahre
2007 schrieb, überkam mich das Bedürfnis, meinen Bericht
ein wenig zu verändern. Nicht nur die Zeit vergeht, manches
sieht man auch aus einer neuen Perspektive. Die Grundaussagen bleiben
jedoch, wenn auch die Wortwahl ein wenig anders ist.
Es
ist nun schon 2 Jahre her, seit der Geburt und dem Tod meines Sohnes
Gabriel. Die Zeit vergeht, der abgrundtiefe, zerreissende Schmerz
weicht zurück, doch die Sehnsucht bleibt bestehen. Die
Sehnsucht, mein Kind zu umarmen und ihm meine Liebe zu geben, ihn
spüren zu lassen wie sehr ich ihn liebe, durch Umarmungen,
Küsse, Streicheleinheiten; durch Schimpfe, wenn er etwas
angestellt hat, Trost, wenn er traurig ist. Ja, die Liebe bleibt und
sie wird nicht kleiner, auch nicht weniger fassbar, sie ist immer da,
die absolute und bedingungslose Liebe. Die Liebe, die einfach ist, so
wie Gott. Ich kann sie nicht materialisieren, ich kann ihr nicht
durch meinen Körper Ausdruck geben, aber ich kann sie leben, ich
kann sie flüstern, ich kann sie träumen und das Wichtigste
ist: ich kann sie aussprechen, denn sie hat einen Namen und sie hat
ein Gesicht: Gabriel.
Während ich diesen Bericht
verfasse, kullern mir immer wieder Tränen über die Wangen,
es sind Tränen die sehr viele Gefühle in sich tragen:
Sehnsucht, Liebe, Trauer, Dankbarkeit und Freude. Dankbarkeit und
Freude, die Mutterliebe spüren zu dürfen, die Freude mein
Kind getragen zu haben, ihm das gegeben zu haben, was jeder Mensch
braucht um zu leben um zu reifen und um in Frieden zu sterben: Liebe.
Ich möchte keine Sekunde mit meinem Sohn missen, auch die
schlimmsten und traurigsten nicht, denn sie sind Teil meines Lebens
und unseres gemeinsamen Weges, der von Innigkeit und Verbundenheit
geprägt ist.
Gabriel ist mein grösster Lehrer.
Durch ihn habe ich erfahren, was es wirklich heisst, Liebe zu geben,
ihm habe ich zu verdanken, die Ruhe und Zuversicht gefunden zu haben,
die mich tragen, den tiefen Glauben der mich immer nach vorne schauen
lässt, der mich trägt, auch wenn ich in mich zusammenfalle.
Durch Gabriel durfte und darf ich spüren was es heisst, von Gott
getragen zu werden. Er verlässt uns nie, wir müssen nur
unser Herz öffnen und fähig sein hinein zu hören.
Im
Mai 2004 erfuhr ich, dass ich schwanger war, ich war bereits im 2.
Monat. Sein Herzlein hatte ich bereits bei einem Untersuch gehört,
es schlug ganz schnell und die Ärztin meinte beim Untersuch:
„Sei still da drin, du bist sicher ein Junge, lebhaft wie du
bist“. Es war wie Musik in meinen Ohren! Sein Herzlein schlug
so schön, es KONNTE einfach nur alles gut gehen!
Im
August 2004, etwa im 4.Monat war der erste Ultraschall geplant. Eine
Woche davor erschien mir wie aus heiterem Himmel das Wort
„Anencephalie“. Ich hatte gerade noch Zeit ein Stossgebet
loszuschicken: „lieber Gott, bitte lass das nicht wahr sein.“
So wie der Gedanke gekommen war, war er auch wieder weg, ich erzählte
niemandem etwas davon, denn ich war selbst nicht fähig, diesen
Gedanken wirklich zu fassen, er war einfach wieder weg. An besagtem
Tag fuhr ich zum Ultraschall. Ich war nicht aufgeregt, denn es ging
mir so gut, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, mit meinem Kind
könne etwas nicht in Ordnung sein. Ich wollte auch nicht wissen,
ob es ein Junge oder Mädchen sei, das würde ich erst bei
der Geburt wissen wollen. Mein einziger Wunsch war, ein Gesundes Kind
zu tragen und zur Welt zu bringen...
Die Ärztin, sie war
sehr jung, begann den Untersuch, sagte lange kein Wort. Auf einmal
hielt sie inne, schwenkte den Sensor auf meinem Bauch hin und her,
klopfte, drückte und meins schliesslich, es sei etwas nciht in
Ordnung. Ich wollte natürlich sofort wissen, was los war und bat
um Erklärung, worauf sie mir, wortwörtlich an den Kopf
warf: „Ihr Kind hat keinen Kopf.“ Das war ein hater
Schlag, ich weiss heute noch nicht, wie ich es schaffte, meine
Fassung zu behalten behalten. Ich war alleine beim Untersuch, es war
niemand da, der mich halten könnte und sie schmiss mir sdiese
Worte einfach an den Kopf. Ich konnte die Schwere der Situation
überhaupt nicht erfassen und so fragte ich leicht ironisch, wie
denn das gehe, ob mein Kind bloss ein Rumpf mit armen und Beinen sei?
In
diesem Moment bemerkte, so nehme ich an, die Ärztin bemerkte ihr
sehr ungeschicktes Verhalten und versuchte verzweifelt eine bessere
Wortwahl zu finden. Sie erklärte mir, es gäbe eine
Fehlbildung, bei der die Schädeldecke und ein grosser Teil des
Gehirns fehle. Mein Gedankenblitz lief nun wie ein Film vor mir ab.
Zudem auch ein Dokumentarfilm, den ich vor Jahren auf ARD gesehen
hatte, bei dem es über die Hausgeburt eines Babies mti
Anencpehalie ging. Ich sah den Kleinen vor mir, seine Eltern, wie sie
ihn so lange bei sich hatten, wie er leben konnte und ihm ganz
einfach das schenkten, was sie ihm schenken konnten: Geborgenheit.
Ganz
benebelt antwortete ich der Ärztin: „Sie meinen
Anencephalie“. Sie sagte kein Wort, gab mir ein Papiertuch um
das Leitgel vom Bauch abzuwischen, schaute mich nicht an und sagte,
ich solle ins Wartezimmer gehen, sie werde den Bericht an meine
Ärztin schreiben. Dieser wurde mir von der Arztgehilfin
überreicht, die Ärztin liess sich nicht mehr blicken.
Völlig benommen fuhr ich nach Hause, ich wusste nicht
wie mir geschah, ich wusste nicht wie ich funktionieren sollte. Es
war so irreal.
Die
darauffolgenden Wochen waren schlimm. Ich ging zur Ärztin, sie
wies mich sofort für einen morphologischen Ultraschalluntersuch
ein. Als wenn der Befund nicht schon schlimm genug wäre hatte
ich auch noch mit der Krankenkasse zu kämpfen, die den
morphologischen Ultraschalluntersuch nicht übernehmen wollte. Es
war einfach zermürbend, bis ich endlich meinen Termin hatte. Es
galt nur, die Diagnose zu bestätigen oder zu verwerfen. Obwohl
es mir mein Verstand anders sagte, hatte ich eine leise Hoffnung in
mir... doch kaum hatte die Ärztin den Scanner aufgesetzt,
bestätigte sie auch schon die Diagnose. Es gab kein Wunder,
keine Hoffnung, keine Fehldiagnose. Es war einfach so... Jetzt wollte
ich das Geschlecht meines Kindes wissen, denn es sollte seinen Namen
bekommen, ich wollte es ansprechen können. Ein Junge sei es,
sagte die Ärztin. Den Namen hatte ich noch nicht ausgewählt,
aber ich wollte ihm ganz bestimmt einen Engelsnamen geben.
Ich wandte mich an meine Ärztin um in irgend einer Weise
Unterstützung zu bekommen, eine Selbsthilfegruppe, ein Zentrum,
irgend etwas, das mir helfen konnte, wieder Boden unter den Füssen
zu bekommen. Sie wusste jedoch nicht richtig Bescheid, so machte ich
mich selbständig auf um Unterstützung zu bekommen und
stiess auf eine öffentliche Gesundheitsstelle, die Begleitung
bei Risikoschwangerschaften anbietet.
Der erste Termin war
sehr vielversprechend, die Krankenschwester die mich empfing war auf
derselben Wellenlänge und es war ein wunderbares Gespräch.
Sie fragte mich, ob ich mein Kind austragen oder die Schwangerschaft
unterbrechen würde. Es war für mich von Anfang an klar,
dass ich meinen Sohn austragen würde, seine Zeit war von Gott
bestimmt. Falls er in meinem Leib ableben sollte, war dies Gottes
Wunsch und Gabriels Zeit, falls nicht, würde er so lange leben
wie es für ihn bestimmt war.
In diesem Zentrum würde
ich in eine Gruppe aufgenommen werden. Zuerst einige Sitzungen ohne
Gruppe, dann in der Gruppe. In dieser Gruppe waren Mütter die
ihr Kind schon geboren und beigesetzt hatten, andere, die es wie ich
gerade erst erfahren hatten und wiederum solche, dessen
Schwangerschaft schon weit vorausgeschritten war. Leider geschah dem
nicht so, etwa 2 Therapiestunden fanden statt, dann war die
Psychologin plötzlich in den Ferien.
Ich war also
allein, auf mich gestellt. Vor Ort war niemand, der mich wirklich
unterstützen konnte, meine Familie und die engsten Freunde
wohnen weit weg. Ich fühlte mich sehr, sehr allein und es ist
heute auch noch das Gefühl, welches das Schwierigste zu ertragen
ist: Das Gefühl der Einsamkeit, der Bodenlosigkeit, einfach ein
Nichts. Ich konnte nur in mich gehen, bei mir und meinem Kind sein,
meine eigenen Kräfte mobilisieren.
Dass ich trotzdem
nicht daran zerbrach habe ich vor allem meiner Mutter und meiner
Herzensfreundin Simone in der Schweiz zu verdanken. Auch wenn sie
weit weg waren und sind, so waren sie doch die grösste Stütze,
bis heute. Viele Menschen wendeten sich von mir ab. Ich glaube, sie
mussten sich selbst schützen, weil es so schmerzhaft war. Viele
meinten: Was soll ich denn sagen? Wie soll ich reagieren?
Das weiss ich nicht, das weiss niemand, denn man kann nicht wissen, was
„man“ in so einer Situation sagen wie „man“
sich verhalten soll. Was ist richtig? Da zu sein, die Gefühle
der Betroffenen ernst zu nehmen, nicht Angst haben zu sagen: ich bin
überfordert, aber ich möchte etwas tun, oder ich bin in
Gedanken bei dir, ich fühle mit dir, was auch immer!!!
Ich
versuchte so gut es ging mit allem zurecht zu kommen. Ich genoss jede
Sekunde mit meinem Bub, suchte nach Namen und entschied mich
schliesslich für Gabriel. Engel Gabriel, Überbringer der
freudigen Botschaft! Die Botschaft der Liebe und die hatte er
wahrhaftig gebracht. Dafür bin ich ihm unendlich und für
immer und ewig dankbar!
Ich spüre heute noch den Moment, in dem sich Gabriel drehte. Es war
etwa Mitte sechsten Monats. Ich dachte sogar, er mache sich schon auf
den Weg, doch nichts geschah. Mein Bauch wuchs, es ging mir nach wie
vor sehr gut, ich war so stolz auf meinen Bauch und es war komisch
ihn nicht mehr einziehen zu können, wenn ich zwischen zwei
Stühlen hindurch musste. Ich sang Gabriel vor, liebkoste meinen
Bauch, spürte seine Füsschen unter meinen Händen. Je
nachdem, was ich sang oder vorspielte, verhielt sich Gabriel ruhig,
oder er spielte. Ärzte sagen, die Bewegungen eines anencephalen
Babies seien nur Reflexe, Zuckungen, denn durch das fehlen Grosshirn
seien keine bewussten Regungen möglich. Ich behaupte das
Gegenteil, so wie jede andere Mutter, die ihr Kind erlebt. Gabriel
zeigte verschiedene Regungen, verschiedene Bewegungsarten,
verschieden Reaktionen auf diverse Reize. Denn, ich frage: Spüren
wir mit dem Gehirn oder mit der Seele?
Gabriels errechneter Geburtstermin war im Januar. Es bestand jedoch die
Möglichkeit, die Geburt in den letzten Wochen einzuleiten, da
diese, aufgrund des mangelnden Druckes der fehlenden Schädeldecke
sehr wahrscheinlich notwendig war. Aber auch eine Einleitung gilt als
Unterbruch und so musste ich eine richterliche Beglaubigung einholen.
Am 14. Dezember konnte ich dann, mit richterlichem Entscheid, ins
Spital. Der Zeitpunkt war richtig, denn Gabriel war bereits selbst
auf dem Weg.
Nun begann mein Horrortrip. Die untersuchende Ärztin
war grob. Ich wurde dann auf die Station eingewiesen. Die Schwester
steckte mir einen Zugang für den Tropf, über den ich das
Wehenmittel bekommen sollte. Da ich noch nicht ins Vorgeburtszimmer
wollte, durfte ich im Gang noch hin und hergehen. Ich wurde dann
einfach im Gang vergessen erst gegen 20 Uhr klopfte ich an und dann
durfte ich ins Zimmer. Ich war müde, traurig, aufgewühlt.
Der Tropf wurde angehängt und das war’s. Neben mir lagen
eine Frau die einen Spontanabbruch erlitten hatte und eine andere
Frau die eine Einleitung machen musste, weil sie zu wenig
Fruchtwasser hatte. Ich weiss nicht wie, aber ich konnte irgendwann
einschlafen und wachte am anderen Tag mit einem dicken Arm auf. Der
Zugang war nicht richtig gelegt, das ganze Wehenmittel war mir unter
die Haut gelaufen. Es fing alles von vorn an. Ein neuer Zugang wurde
gelegt, ich wurde untersucht, Medizinstudenten standen um mein Bett
herum und wurden belehrt „Fall eines Anencephalus mit
Geburtseinleitung“.
Im falschen Film bin ich, dachte ich. Wie bei Patch Adams. Ich meldete
mich zu Wort und meinte: ich bin Christine und mein Sohn heisst
Gabriel. Das war wichtig für mich. Der Morgen verging, die
Besuchszeit kam näher und ich war allein. Die Besuchszeit
verging, ich war allein. Ich begann zu weinen. Eine Schwester wies
mich zurecht ich woll nicht weinen, das täte meinem Kind nicht
gut. Das war ein Schlag ins Gesicht. Hat sie denn meine Akte nicht
gelesen? Hat sie denn keine Ahnung, dass meinem Kind gar nichts mehr
geshehen kann? Von Begleitung, von Trost, von Anteilnahme nicht die
Rede. Das Wehenmittel tropft und tropft und tropft und nichts
geschieht. Nur ein leichtes Ziehen.
Mitten in der Nacht muss ich mein Bett räumen, eine Notfallpatientin
kommt. Der Tropf wird abgehängt, morgen geht alles von Neuem
los. Ich kann es nicht fassen, hat denn niemand ein wenig Mitgefühl?
Ich muss auf die Wöchnerinnenstation, aber zum Glück nicht
in ein Zimmer, in dem Mütter auf ihre gesunden Kinder wartten.
Eine Mutter hängt auch am Wehentropf, ihr Kind ist im 5. SSM
gestorben. Sie ist Herzpatientin und die starken Medikamente waren
für das Kind tödlich. Eine andere Mutter ist mit Zwillingen
schwanger, bei einem hat man den Verdacht auf Hydrocephalus. Eine
dritte Frau hat zu wenig Fruchtwasser und ist in Beobachtung. In der
Nacht gebärt die Frau des gestorbenen Kindes ihren Sohn. Sie hat
ihn kurz gesehen, wurde aber nicht gefragt, ob sie ihn beerdigen
wolle, sondern sie haben ihn einfach für medizinische Zwecke
benutzt. Ohne zu fragen. Die Frau ist arm, ungeschult und ist sich
ihrer Rechte überhaupt nicht bewusst. Ich bin entrüstet!
Wie wird sie ihren Schmerz verkraften? Verarbeiten? Die Psychologin,
die eigentlich vorbeikommen sollte kommt auch nicht, niemand hat eine
Ahnung oder ist fähig mit meiner oder ihrer Situation umzugehen!
Die Schwestern sind genauso verzweifelt wie wir, auch sie haben keine
psycholgische Unterstützung und wenden sich deshalb ab, tätigen
nur die nötigste materielle Pflege. Keine Seelenpflege, sie
würden sonst selbst zugrunde gehen. Am nächsten Morgen geht
es eine Ewigkeit, bis ich wieder an den Tropf kann. Ich muss mich
bemerkbar machen, bis ich wieder ins Vorgeburtszimmer darf.
Irgendwie habe ich nicht so eine genaue Erinnerung an den
Rest des Tages. Auf jeden Fall beginnt das Wehen mittel so gegen
Mittag zu wirken, ich habe relativ erträgliche Wehen, die sich
am Nachmittag sehr stark anziehen. Die starken Wehen werden von
starker Übelkeit begleitet, doch niemand scheint dies zu
bemerken. Ein Arzt hat mir gestern, als ich so sehr weinte die Hand
gehalten und als einziger mit mir gesprochen. Auch seine Mutter hatte
ein anencephales Kind. Es war sein jüngerer Bruder. Als er auf
Visite kommt und sieht, wie mies es mir geht, lässt er mir ein
brechreizstillendes Mittel geben. Das wirkt. Als er wieder weg ist
und das Mittel nachlässt, unternimmt jedoch niemand mehr etwas.
Ich bin allein. Tagsüber bitte ich immer wieder darum unter die
Dusche zu dürfen, denn ich weiss, dass mir das warme Wasser auf
dem Bauch die Schmerzen lindert. Das hilft ein wenig. Irgendwann
erreicht mich meine Mutter über das Handy. Sie ist machtlos und
kann mir einfach nur alles Gute wünschen.So gegen 19 Uhr meinen
die die Ärzte, wenn sich bis etwas 20 Uhr immer noch nichts
täte, würden sie mich nochmals abhängen um am nächsten
Tag weiterzumachen. Es ist der 16. Dezember. Niemand hat mich
untersucht, es weiss niemand wie weit vorgeschritten die Geburt ist.
Ich weiss es am wenigsten, es ist mein erstes Kind. Mein Gefühl
sagt mir jedoch, dass es nicht mehr lange gehen kann. Welcher Arzt
vertraut jedoch den Gefühlen einer Erstgebärenden?
Um 20:30 passiert der Fruchtblasensprung. Ich bat gerade darum, ein
wenig aufstehen zu dürfen und stand vor dem Bett. Die Ärztin
schimpft mit mir, sagt ich soll sofort aufs Bett, dann untersucht sie
mich und sagt, Gabriels K“pfchen sei schon zu sehen! Ich werde
sofort vorbereitet, in den Kreissaal gebracht, ich weiss gar nicht
wie mir geschieht. Ich habe diesen Moment so ersehnt, ich werde
meinen Sohn kennen lernen. Und so gefürchtet, nun muss ich ihn
loslassen! Wie tut das weh! Der körperliche Schmerz ist so
ertragbar gegenüber dem abgrundtiefen, zerreissenden
Seelenschmerz!
Die Ärztin schreit mich an, weil ich wimmere, weil ich weine. Wie
soll ich nicht weinen, wenn mein Kind von mir geht? Wie soll ich
nicht schreien, wenn es mich innerlich zerreisst? Wenn der seelische
Schmerz kaum zu ertragen ist? Was denkt denn diese Frau? Um 21:00 Uhr
ist Gabriel da. Er weint nicht. Die Stille ist unerträglich.
Niemand sagt etwas, Dei Ärztin geht heraus ohne mich eines
Wortes oder Blickes zu würdigen. Sie gibt bloss der
Assistenzärztin Anweisungen die Nachgeburt abzuwarten, ich solle
liegenbleiben.
Die Schwester fragt mich, ob ich meinen Sohn sehen will. Wie kann sie das
fragen??????
Sie zeigt ihn mir, er ist eingewickelt. Ich
bitte sie, das Tuch aufzuschlagen, ich will ihn ganz sehen. Er ist so
hübsch! Er ist so schön mein Gabriel. Ich streiche ihm über
den Bauch, fühle ein wenig seine Haut. Er ist schwach, seine
Äuglein geöffnet doch unbeweglich, der Mund auch halb
geöffnet. Eine ungewöhnliche Ruhe umgibt mich. Ich weine
nicht, ich verspüre keine Trauer. Nicht in diesem Moment. Ich
kann alles gar nicht fassen. Die Schwester sagt, sie werde ihn
mitnehmen und in den Brutkasten legen, er sei schon sehr schwach. Ich
will ihr sagen, sie soll ihn in meine Arme legen, er soll in meinen
Armen sterben, doch ich traue mich nicht. Das ist so schlimm! Ich
werde auf eine Bare gelegt und in den Gang geschoben. Irgendwie
verlange ich nach meinem Handy, ich rufe meinen Gabriels Vater an. Er
ist soeben zuhause angekommen. Er fragt voller Erwartung, immer noch
mit dem letzten funken Hoffnung, ob alles in Ordnung sei. Ich sage
bloss, es ist wie es ist.
Ich werde im Gang vergessen, irgendwann schiebt man mich auf die Wöchnerinnenstation, in das
Zimmer, das ich schon kenne. Ich bin benebelt und irgendwann döse
ich ein wenig. Gabriels Vater kommt gegen Mitternacht. Er hat
Gabriel gesehen, ihm die Äuglein geschlossen, er war schon
gestorben. Ich war nicht bei ihm. Ich durfte ihn auf seinem ersten
und letzten Weg nicht begleiten. Es tut weh und doch spüre ich
in diesem Moment nicht viel. Ich möchte ihn nochmals sehen,
halten, wenigstens seinen Körper, ihn mir genau anschauen, ein
Foto machen.
Die Schwester fragt, ob wir Gabriel für medizinische Zwecke
freigeben. Wir verneinen. Ich sage ihr, ich wolle meinen Sohn
nochmals sehen, denn mir wird plötzlich klar, dass sie ihn in
den Kühlraum bringen werden. Sie hätten das getan ohne mich
zu benachrichtigen!!! Ich werde im Rollstuhl zu Gabriel geschoben Da
liegt er. Mein Gabriel, ich nehme ihn aus der Schale in der er liegt
und halte ihn zum ersten und letzten Mal in meinen Armen. Aber nicht
das letzte Mal im Herzen, da ist er für immer und ewig. Er ist
noch ein bisschen beweglich. Er hat wunderbare grosse Hände und
Füsse. Sein Vater sagt: schau, das sind sie, die dich immer
getreten haben und gehüpft sind. Irgendwie bin ich so
geistesgegenwärtig, dass ich den mitgebrachten Fotoapparat
verlange und Gabriel fotografiere. Die Schwestern sind überrascht:
Das hat bis anhin noch niemand gemacht, sie wissen gar nicht, ob ich
das darf! Heute bin ich so froh um diese Bilder!
Danach bringen sie mich wieder auf die Station, ich darf duschen, denn ich
fühle mich gut und bin auf den Beinen.
Am nächsten Tag darf ich nach Hause.
Nun muss ich Gabriels Beerdigung
organisieren. Wir gehen auf das Bürgeramt und registrieren
Gabriel. Er bekommt eine Geburtsurkunde, denn er hat gelebt. Von da
aus geht es direkt zum Bestattungsinstitut. Ich hatte vorher alles
genau geplant, damit ich weiss, was ich tun muss.
Gabriels
Beerdigung findet am Samstag, den 18.12.2004 statt. Es ist niemand
anwesend ausser mir und seinem Vater. Wir fahren hinter dem
Bestattungswagen her, der Gabriels kleines, weisses Särglein
trägt. Wie kann das sein, es ist nicht richtig, dass eine Mutter
ihr Kind begräbt... Das ist der einzige Gedanke, der mit den
ganzen Weg begleitet.
Auf dem Friedhof kauft Gabriels Vater
wunderschöne Blumen, mit denen wir Gabriel beschmücken,
rundherum im Särglein. Schaulustige kommen und sehen mein Kind.
Es ist unerträglich! Ein Herr beginnt mit mir zu diskutieren,
mein Kind sei aber gross für ein Neugeborenes und meint das sei
ungewöhnlich. Ich halte es nicht aus, bitte den Sarg zu
schliessen und Gabriel zu beerdigen. Gabriels Vater trägt den
Sarg. Ich werde dieses Bild nie vergessen. Es ist zugleich Sinnbild
für Liebe und Trostlosigkeit. Wir müssen zur
Kinderabteilung, es ist ein öffentlicher Friedhof. Gabriels
Vater legt den Sarg in die Grube, wir geben Erde darauf und beten.
Der Gräber schüttet das Grab zu.
Mein Engel Gabriel ist losgeflogen. Ich liebe ihn über alles auf der
Welt.
Christine Graser und José Nilton Pereira Costa
Wie werden Engel geboren
Du kamst,
du gingst mit leiser Spur.
Ein flüchtiger Gast im Erdenland.
Woher-Wohin
Wir wissen nur:
Aus Gottes Hand - in Gottes Hand
Wie werden Engel geboren,
Damit sie so rein sind
Damit sie so schön sind
Damit sie so geliebt werden?
Ich kenne einen kleinen!
Geboren als Frucht der Liebe
Vereint mit der Freude der Erwartung
Engel geworden in der Trauer des Abschieds
Es wurden ihm nicht Jahre gegeben
Aber nur Stunden um Herzen zu erobern
Er durfte nicht weinen
Sondern nur schweigen und warten
Es wurde ihm aber gegeben
Geliebt zu werden
Weil er da war
Beweint zu werden
Weil er uns verlassen hat
Heute ist er ein Engel
Der, erleuchtet, all jene trösten will
Die um ihn weinen
Die auf ihn warten
Die ihn suchen
Er ist die Frucht jener Liebe
Der er geschenkt wurde
Die verstanden hat
Die ihm aus Liebe ermöglicht hat
Ein Engel zu werden
"Wenn etwas von uns fortgenommen wird
womit wir tief und wunderbar zusammenhängen
so ist viel von uns selber auch mit fortgenommen
Gott aber will
Dass wir uns wieder finden
Reicher um alles Verlorene
Und vermehrt um jenen unendlichen Schmerz."
Rainer Maria Rilke
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 8.10.2009
















