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Gabriel Graser Costa

Gabriel, baby in Anencephalie

16.12.2004 21:00 – 22:00

 

"Die meisten Menschen träumen nur von Engeln,
wir haben das Glück, einen persönlich zu kennen"

 

„Frauen verstorbener Männer nennt man Witwe
Männer verstorbener Frauen nennt man Witwer
Kinder verstorbener Eltern nennt man Waisen
Eltern verstorbener Kinder haben keinen Namen,
denn der Schmerz ist unbenennbar und niemand ist darauf vorbereitet.“

 

Heute ist der 26. August 2009. Schon bald sind 5 Jahre vergangen, seit Gabriels Geburt und Tod. Wie ich die Zeilen las, die ich im Jahre 2007 schrieb, überkam mich das Bedürfnis, meinen Bericht ein wenig zu verändern. Nicht nur die Zeit vergeht, manches sieht man auch aus einer neuen Perspektive. Die Grundaussagen bleiben jedoch, wenn auch die Wortwahl ein wenig anders ist.

Es ist nun schon 2 Jahre her, seit der Geburt und dem Tod meines Sohnes Gabriel. Die Zeit vergeht, der abgrundtiefe, zerreissende Schmerz weicht zurück, doch die Sehnsucht bleibt bestehen. Die Sehnsucht, mein Kind zu umarmen und ihm meine Liebe zu geben, ihn spüren zu lassen wie sehr ich ihn liebe, durch Umarmungen, Küsse, Streicheleinheiten; durch Schimpfe, wenn er etwas angestellt hat, Trost, wenn er traurig ist. Ja, die Liebe bleibt und sie wird nicht kleiner, auch nicht weniger fassbar, sie ist immer da, die absolute und bedingungslose Liebe. Die Liebe, die einfach ist, so wie Gott. Ich kann sie nicht materialisieren, ich kann ihr nicht durch meinen Körper Ausdruck geben, aber ich kann sie leben, ich kann sie flüstern, ich kann sie träumen und das Wichtigste ist: ich kann sie aussprechen, denn sie hat einen Namen und sie hat ein Gesicht: Gabriel.

Während ich diesen Bericht verfasse, kullern mir immer wieder Tränen über die Wangen, es sind Tränen die sehr viele Gefühle in sich tragen: Sehnsucht, Liebe, Trauer, Dankbarkeit und Freude. Dankbarkeit und Freude, die Mutterliebe spüren zu dürfen, die Freude mein Kind getragen zu haben, ihm das gegeben zu haben, was jeder Mensch braucht um zu leben um zu reifen und um in Frieden zu sterben: Liebe.

Ich möchte keine Sekunde mit meinem Sohn missen, auch die schlimmsten und traurigsten nicht, denn sie sind Teil meines Lebens und unseres gemeinsamen Weges, der von Innigkeit und Verbundenheit geprägt ist.

Gabriel ist mein grösster Lehrer. Durch ihn habe ich erfahren, was es wirklich heisst, Liebe zu geben, ihm habe ich zu verdanken, die Ruhe und Zuversicht gefunden zu haben, die mich tragen, den tiefen Glauben der mich immer nach vorne schauen lässt, der mich trägt, auch wenn ich in mich zusammenfalle. Durch Gabriel durfte und darf ich spüren was es heisst, von Gott getragen zu werden. Er verlässt uns nie, wir müssen nur unser Herz öffnen und fähig sein hinein zu hören.

Im Mai 2004 erfuhr ich, dass ich schwanger war, ich war bereits im 2. Monat. Sein Herzlein hatte ich bereits bei einem Untersuch gehört, es schlug ganz schnell und die Ärztin meinte beim Untersuch: „Sei still da drin, du bist sicher ein Junge, lebhaft wie du bist“. Es war wie Musik in meinen Ohren! Sein Herzlein schlug so schön, es KONNTE einfach nur alles gut gehen!

Im August 2004, etwa im 4.Monat war der erste Ultraschall geplant. Eine Woche davor erschien mir wie aus heiterem Himmel das Wort „Anencephalie“. Ich hatte gerade noch Zeit ein Stossgebet loszuschicken: „lieber Gott, bitte lass das nicht wahr sein.“ So wie der Gedanke gekommen war, war er auch wieder weg, ich erzählte niemandem etwas davon, denn ich war selbst nicht fähig, diesen Gedanken wirklich zu fassen, er war einfach wieder weg. An besagtem Tag fuhr ich zum Ultraschall. Ich war nicht aufgeregt, denn es ging mir so gut, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, mit meinem Kind könne etwas nicht in Ordnung sein. Ich wollte auch nicht wissen, ob es ein Junge oder Mädchen sei, das würde ich erst bei der Geburt wissen wollen. Mein einziger Wunsch war, ein Gesundes Kind zu tragen und zur Welt zu bringen...

Die Ärztin, sie war sehr jung, begann den Untersuch, sagte lange kein Wort. Auf einmal hielt sie inne, schwenkte den Sensor auf meinem Bauch hin und her, klopfte, drückte und meins schliesslich, es sei etwas nciht in Ordnung. Ich wollte natürlich sofort wissen, was los war und bat um Erklärung, worauf sie mir, wortwörtlich an den Kopf warf: „Ihr Kind hat keinen Kopf.“ Das war ein hater Schlag, ich weiss heute noch nicht, wie ich es schaffte, meine Fassung zu behalten behalten. Ich war alleine beim Untersuch, es war niemand da, der mich halten könnte und sie schmiss mir sdiese Worte einfach an den Kopf. Ich konnte die Schwere der Situation überhaupt nicht erfassen und so fragte ich leicht ironisch, wie denn das gehe, ob mein Kind bloss ein Rumpf mit armen und Beinen sei?

In diesem Moment bemerkte, so nehme ich an, die Ärztin bemerkte ihr sehr ungeschicktes Verhalten und versuchte verzweifelt eine bessere Wortwahl zu finden. Sie erklärte mir, es gäbe eine Fehlbildung, bei der die Schädeldecke und ein grosser Teil des Gehirns fehle. Mein Gedankenblitz lief nun wie ein Film vor mir ab. Zudem auch ein Dokumentarfilm, den ich vor Jahren auf ARD gesehen hatte, bei dem es über die Hausgeburt eines Babies mti Anencpehalie ging. Ich sah den Kleinen vor mir, seine Eltern, wie sie ihn so lange bei sich hatten, wie er leben konnte und ihm ganz einfach das schenkten, was sie ihm schenken konnten: Geborgenheit.

Ganz benebelt antwortete ich der Ärztin: „Sie meinen Anencephalie“. Sie sagte kein Wort, gab mir ein Papiertuch um das Leitgel vom Bauch abzuwischen, schaute mich nicht an und sagte, ich solle ins Wartezimmer gehen, sie werde den Bericht an meine Ärztin schreiben. Dieser wurde mir von der Arztgehilfin überreicht, die Ärztin liess sich nicht mehr blicken.

Völlig benommen fuhr ich nach Hause, ich wusste nicht wie mir geschah, ich wusste nicht wie ich funktionieren sollte. Es war so irreal.

Die darauffolgenden Wochen waren schlimm. Ich ging zur Ärztin, sie wies mich sofort für einen morphologischen Ultraschalluntersuch ein. Als wenn der Befund nicht schon schlimm genug wäre hatte ich auch noch mit der Krankenkasse zu kämpfen, die den morphologischen Ultraschalluntersuch nicht übernehmen wollte. Es war einfach zermürbend, bis ich endlich meinen Termin hatte. Es galt nur, die Diagnose zu bestätigen oder zu verwerfen. Obwohl es mir mein Verstand anders sagte, hatte ich eine leise Hoffnung in mir... doch kaum hatte die Ärztin den Scanner aufgesetzt, bestätigte sie auch schon die Diagnose. Es gab kein Wunder, keine Hoffnung, keine Fehldiagnose. Es war einfach so... Jetzt wollte ich das Geschlecht meines Kindes wissen, denn es sollte seinen Namen bekommen, ich wollte es ansprechen können. Ein Junge sei es, sagte die Ärztin. Den Namen hatte ich noch nicht ausgewählt, aber ich wollte ihm ganz bestimmt einen Engelsnamen geben.

Ich wandte mich an meine Ärztin um in irgend einer Weise Unterstützung zu bekommen, eine Selbsthilfegruppe, ein Zentrum, irgend etwas, das mir helfen konnte, wieder Boden unter den Füssen zu bekommen. Sie wusste jedoch nicht richtig Bescheid, so machte ich mich selbständig auf um Unterstützung zu bekommen und stiess auf eine öffentliche Gesundheitsstelle, die Begleitung bei Risikoschwangerschaften anbietet.

Der erste Termin war sehr vielversprechend, die Krankenschwester die mich empfing war auf derselben Wellenlänge und es war ein wunderbares Gespräch. Sie fragte mich, ob ich mein Kind austragen oder die Schwangerschaft unterbrechen würde. Es war für mich von Anfang an klar, dass ich meinen Sohn austragen würde, seine Zeit war von Gott bestimmt. Falls er in meinem Leib ableben sollte, war dies Gottes Wunsch und Gabriels Zeit, falls nicht, würde er so lange leben wie es für ihn bestimmt war.

In diesem Zentrum würde ich in eine Gruppe aufgenommen werden. Zuerst einige Sitzungen ohne Gruppe, dann in der Gruppe. In dieser Gruppe waren Mütter die ihr Kind schon geboren und beigesetzt hatten, andere, die es wie ich gerade erst erfahren hatten und wiederum solche, dessen Schwangerschaft schon weit vorausgeschritten war. Leider geschah dem nicht so, etwa 2 Therapiestunden fanden statt, dann war die Psychologin plötzlich in den Ferien.

Ich war also allein, auf mich gestellt. Vor Ort war niemand, der mich wirklich unterstützen konnte, meine Familie und die engsten Freunde wohnen weit weg. Ich fühlte mich sehr, sehr allein und es ist heute auch noch das Gefühl, welches das Schwierigste zu ertragen ist: Das Gefühl der Einsamkeit, der Bodenlosigkeit, einfach ein Nichts. Ich konnte nur in mich gehen, bei mir und meinem Kind sein, meine eigenen Kräfte mobilisieren.

Dass ich trotzdem nicht daran zerbrach habe ich vor allem meiner Mutter und meiner Herzensfreundin Simone in der Schweiz zu verdanken. Auch wenn sie weit weg waren und sind, so waren sie doch die grösste Stütze, bis heute. Viele Menschen wendeten sich von mir ab. Ich glaube, sie mussten sich selbst schützen, weil es so schmerzhaft war. Viele meinten: Was soll ich denn sagen? Wie soll ich reagieren?

Das weiss ich nicht, das weiss niemand, denn man kann nicht wissen, was „man“ in so einer Situation sagen wie „man“ sich verhalten soll. Was ist richtig? Da zu sein, die Gefühle der Betroffenen ernst zu nehmen, nicht Angst haben zu sagen: ich bin überfordert, aber ich möchte etwas tun, oder ich bin in Gedanken bei dir, ich fühle mit dir, was auch immer!!!

Ich versuchte so gut es ging mit allem zurecht zu kommen. Ich genoss jede Sekunde mit meinem Bub, suchte nach Namen und entschied mich schliesslich für Gabriel. Engel Gabriel, Überbringer der freudigen Botschaft! Die Botschaft der Liebe und die hatte er wahrhaftig gebracht. Dafür bin ich ihm unendlich und für immer und ewig dankbar!

Ich spüre heute noch den Moment, in dem sich Gabriel drehte. Es war etwa Mitte sechsten Monats. Ich dachte sogar, er mache sich schon auf den Weg, doch nichts geschah. Mein Bauch wuchs, es ging mir nach wie vor sehr gut, ich war so stolz auf meinen Bauch und es war komisch ihn nicht mehr einziehen zu können, wenn ich zwischen zwei Stühlen hindurch musste. Ich sang Gabriel vor, liebkoste meinen Bauch, spürte seine Füsschen unter meinen Händen. Je nachdem, was ich sang oder vorspielte, verhielt sich Gabriel ruhig, oder er spielte. Ärzte sagen, die Bewegungen eines anencephalen Babies seien nur Reflexe, Zuckungen, denn durch das fehlen Grosshirn seien keine bewussten Regungen möglich. Ich behaupte das Gegenteil, so wie jede andere Mutter, die ihr Kind erlebt. Gabriel zeigte verschiedene Regungen, verschiedene Bewegungsarten, verschieden Reaktionen auf diverse Reize. Denn, ich frage: Spüren wir mit dem Gehirn oder mit der Seele?

Gabriels errechneter Geburtstermin war im Januar. Es bestand jedoch die Möglichkeit, die Geburt in den letzten Wochen einzuleiten, da diese, aufgrund des mangelnden Druckes der fehlenden Schädeldecke sehr wahrscheinlich notwendig war. Aber auch eine Einleitung gilt als Unterbruch und so musste ich eine richterliche Beglaubigung einholen. Am 14. Dezember konnte ich dann, mit richterlichem Entscheid, ins Spital. Der Zeitpunkt war richtig, denn Gabriel war bereits selbst auf dem Weg.

Nun begann mein Horrortrip. Die untersuchende Ärztin war grob. Ich wurde dann auf die Station eingewiesen. Die Schwester steckte mir einen Zugang für den Tropf, über den ich das Wehenmittel bekommen sollte. Da ich noch nicht ins Vorgeburtszimmer wollte, durfte ich im Gang noch hin und hergehen. Ich wurde dann einfach im Gang vergessen erst gegen 20 Uhr klopfte ich an und dann durfte ich ins Zimmer. Ich war müde, traurig, aufgewühlt. Der Tropf wurde angehängt und das war’s. Neben mir lagen eine Frau die einen Spontanabbruch erlitten hatte und eine andere Frau die eine Einleitung machen musste, weil sie zu wenig Fruchtwasser hatte. Ich weiss nicht wie, aber ich konnte irgendwann einschlafen und wachte am anderen Tag mit einem dicken Arm auf. Der Zugang war nicht richtig gelegt, das ganze Wehenmittel war mir unter die Haut gelaufen. Es fing alles von vorn an. Ein neuer Zugang wurde gelegt, ich wurde untersucht, Medizinstudenten standen um mein Bett herum und wurden belehrt „Fall eines Anencephalus mit Geburtseinleitung“.

Im falschen Film bin ich, dachte ich. Wie bei Patch Adams. Ich meldete mich zu Wort und meinte: ich bin Christine und mein Sohn heisst Gabriel. Das war wichtig für mich. Der Morgen verging, die Besuchszeit kam näher und ich war allein. Die Besuchszeit verging, ich war allein. Ich begann zu weinen. Eine Schwester wies mich zurecht ich woll nicht weinen, das täte meinem Kind nicht gut. Das war ein Schlag ins Gesicht. Hat sie denn meine Akte nicht gelesen? Hat sie denn keine Ahnung, dass meinem Kind gar nichts mehr geshehen kann? Von Begleitung, von Trost, von Anteilnahme nicht die Rede. Das Wehenmittel tropft und tropft und tropft und nichts geschieht. Nur ein leichtes Ziehen.

Mitten in der Nacht muss ich mein Bett räumen, eine Notfallpatientin kommt. Der Tropf wird abgehängt, morgen geht alles von Neuem los. Ich kann es nicht fassen, hat denn niemand ein wenig Mitgefühl? Ich muss auf die Wöchnerinnenstation, aber zum Glück nicht in ein Zimmer, in dem Mütter auf ihre gesunden Kinder wartten. Eine Mutter hängt auch am Wehentropf, ihr Kind ist im 5. SSM gestorben. Sie ist Herzpatientin und die starken Medikamente waren für das Kind tödlich. Eine andere Mutter ist mit Zwillingen schwanger, bei einem hat man den Verdacht auf Hydrocephalus. Eine dritte Frau hat zu wenig Fruchtwasser und ist in Beobachtung. In der Nacht gebärt die Frau des gestorbenen Kindes ihren Sohn. Sie hat ihn kurz gesehen, wurde aber nicht gefragt, ob sie ihn beerdigen wolle, sondern sie haben ihn einfach für medizinische Zwecke benutzt. Ohne zu fragen. Die Frau ist arm, ungeschult und ist sich ihrer Rechte überhaupt nicht bewusst. Ich bin entrüstet! Wie wird sie ihren Schmerz verkraften? Verarbeiten? Die Psychologin, die eigentlich vorbeikommen sollte kommt auch nicht, niemand hat eine Ahnung oder ist fähig mit meiner oder ihrer Situation umzugehen! Die Schwestern sind genauso verzweifelt wie wir, auch sie haben keine psycholgische Unterstützung und wenden sich deshalb ab, tätigen nur die nötigste materielle Pflege. Keine Seelenpflege, sie würden sonst selbst zugrunde gehen. Am nächsten Morgen geht es eine Ewigkeit, bis ich wieder an den Tropf kann. Ich muss mich bemerkbar machen, bis ich wieder ins Vorgeburtszimmer darf.

Irgendwie habe ich nicht so eine genaue Erinnerung an den Rest des Tages. Auf jeden Fall beginnt das Wehen mittel so gegen Mittag zu wirken, ich habe relativ erträgliche Wehen, die sich am Nachmittag sehr stark anziehen. Die starken Wehen werden von starker Übelkeit begleitet, doch niemand scheint dies zu bemerken. Ein Arzt hat mir gestern, als ich so sehr weinte die Hand gehalten und als einziger mit mir gesprochen. Auch seine Mutter hatte ein anencephales Kind. Es war sein jüngerer Bruder. Als er auf Visite kommt und sieht, wie mies es mir geht, lässt er mir ein brechreizstillendes Mittel geben. Das wirkt. Als er wieder weg ist und das Mittel nachlässt, unternimmt jedoch niemand mehr etwas. Ich bin allein. Tagsüber bitte ich immer wieder darum unter die Dusche zu dürfen, denn ich weiss, dass mir das warme Wasser auf dem Bauch die Schmerzen lindert. Das hilft ein wenig. Irgendwann erreicht mich meine Mutter über das Handy. Sie ist machtlos und kann mir einfach nur alles Gute wünschen.So gegen 19 Uhr meinen die die Ärzte, wenn sich bis etwas 20 Uhr immer noch nichts täte, würden sie mich nochmals abhängen um am nächsten Tag weiterzumachen. Es ist der 16. Dezember. Niemand hat mich untersucht, es weiss niemand wie weit vorgeschritten die Geburt ist. Ich weiss es am wenigsten, es ist mein erstes Kind. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass es nicht mehr lange gehen kann. Welcher Arzt vertraut jedoch den Gefühlen einer Erstgebärenden?

Um 20:30 passiert der Fruchtblasensprung. Ich bat gerade darum, ein wenig aufstehen zu dürfen und stand vor dem Bett. Die Ärztin schimpft mit mir, sagt ich soll sofort aufs Bett, dann untersucht sie mich und sagt, Gabriels K“pfchen sei schon zu sehen! Ich werde sofort vorbereitet, in den Kreissaal gebracht, ich weiss gar nicht wie mir geschieht. Ich habe diesen Moment so ersehnt, ich werde meinen Sohn kennen lernen. Und so gefürchtet, nun muss ich ihn loslassen! Wie tut das weh! Der körperliche Schmerz ist so ertragbar gegenüber dem abgrundtiefen, zerreissenden Seelenschmerz!

Die Ärztin schreit mich an, weil ich wimmere, weil ich weine. Wie soll ich nicht weinen, wenn mein Kind von mir geht? Wie soll ich nicht schreien, wenn es mich innerlich zerreisst? Wenn der seelische Schmerz kaum zu ertragen ist? Was denkt denn diese Frau? Um 21:00 Uhr ist Gabriel da. Er weint nicht. Die Stille ist unerträglich. Niemand sagt etwas, Dei Ärztin geht heraus ohne mich eines Wortes oder Blickes zu würdigen. Sie gibt bloss der Assistenzärztin Anweisungen die Nachgeburt abzuwarten, ich solle liegenbleiben.

Die Schwester fragt mich, ob ich meinen Sohn sehen will. Wie kann sie das fragen??????

Sie zeigt ihn mir, er ist eingewickelt. Ich bitte sie, das Tuch aufzuschlagen, ich will ihn ganz sehen. Er ist so hübsch! Er ist so schön mein Gabriel. Ich streiche ihm über den Bauch, fühle ein wenig seine Haut. Er ist schwach, seine Äuglein geöffnet doch unbeweglich, der Mund auch halb geöffnet. Eine ungewöhnliche Ruhe umgibt mich. Ich weine nicht, ich verspüre keine Trauer. Nicht in diesem Moment. Ich kann alles gar nicht fassen. Die Schwester sagt, sie werde ihn mitnehmen und in den Brutkasten legen, er sei schon sehr schwach. Ich will ihr sagen, sie soll ihn in meine Arme legen, er soll in meinen Armen sterben, doch ich traue mich nicht. Das ist so schlimm! Ich werde auf eine Bare gelegt und in den Gang geschoben. Irgendwie verlange ich nach meinem Handy, ich rufe meinen Gabriels Vater an. Er ist soeben zuhause angekommen. Er fragt voller Erwartung, immer noch mit dem letzten funken Hoffnung, ob alles in Ordnung sei. Ich sage bloss, es ist wie es ist.

Ich werde im Gang vergessen, irgendwann schiebt man mich auf die Wöchnerinnenstation, in das Zimmer, das ich schon kenne. Ich bin benebelt und irgendwann döse ich ein wenig. Gabriels Vater kommt gegen Mitternacht. Er hat Gabriel gesehen, ihm die Äuglein geschlossen, er war schon gestorben. Ich war nicht bei ihm. Ich durfte ihn auf seinem ersten und letzten Weg nicht begleiten. Es tut weh und doch spüre ich in diesem Moment nicht viel. Ich möchte ihn nochmals sehen, halten, wenigstens seinen Körper, ihn mir genau anschauen, ein Foto machen.

Die Schwester fragt, ob wir Gabriel für medizinische Zwecke freigeben. Wir verneinen. Ich sage ihr, ich wolle meinen Sohn nochmals sehen, denn mir wird plötzlich klar, dass sie ihn in den Kühlraum bringen werden. Sie hätten das getan ohne mich zu benachrichtigen!!! Ich werde im Rollstuhl zu Gabriel geschoben Da liegt er. Mein Gabriel, ich nehme ihn aus der Schale in der er liegt und halte ihn zum ersten und letzten Mal in meinen Armen. Aber nicht das letzte Mal im Herzen, da ist er für immer und ewig. Er ist noch ein bisschen beweglich. Er hat wunderbare grosse Hände und Füsse. Sein Vater sagt: schau, das sind sie, die dich immer getreten haben und gehüpft sind. Irgendwie bin ich so geistesgegenwärtig, dass ich den mitgebrachten Fotoapparat verlange und Gabriel fotografiere. Die Schwestern sind überrascht: Das hat bis anhin noch niemand gemacht, sie wissen gar nicht, ob ich das darf! Heute bin ich so froh um diese Bilder!

Danach bringen sie mich wieder auf die Station, ich darf duschen, denn ich fühle mich gut und bin auf den Beinen.

Am nächsten Tag darf ich nach Hause.

Nun muss ich Gabriels Beerdigung organisieren. Wir gehen auf das Bürgeramt und registrieren Gabriel. Er bekommt eine Geburtsurkunde, denn er hat gelebt. Von da aus geht es direkt zum Bestattungsinstitut. Ich hatte vorher alles genau geplant, damit ich weiss, was ich tun muss.

Gabriels Beerdigung findet am Samstag, den 18.12.2004 statt. Es ist niemand anwesend ausser mir und seinem Vater. Wir fahren hinter dem Bestattungswagen her, der Gabriels kleines, weisses Särglein trägt. Wie kann das sein, es ist nicht richtig, dass eine Mutter ihr Kind begräbt... Das ist der einzige Gedanke, der mit den ganzen Weg begleitet.

Auf dem Friedhof kauft Gabriels Vater wunderschöne Blumen, mit denen wir Gabriel beschmücken, rundherum im Särglein. Schaulustige kommen und sehen mein Kind. Es ist unerträglich! Ein Herr beginnt mit mir zu diskutieren, mein Kind sei aber gross für ein Neugeborenes und meint das sei ungewöhnlich. Ich halte es nicht aus, bitte den Sarg zu schliessen und Gabriel zu beerdigen. Gabriels Vater trägt den Sarg. Ich werde dieses Bild nie vergessen. Es ist zugleich Sinnbild für Liebe und Trostlosigkeit. Wir müssen zur Kinderabteilung, es ist ein öffentlicher Friedhof. Gabriels Vater legt den Sarg in die Grube, wir geben Erde darauf und beten. Der Gräber schüttet das Grab zu.

Mein Engel Gabriel ist losgeflogen. Ich liebe ihn über alles auf der Welt.

Christine Graser und José Nilton Pereira Costa

 

Wie werden Engel geboren

Du kamst,
du gingst mit leiser Spur.
Ein flüchtiger Gast im Erdenland.
Woher-Wohin
Wir wissen nur:
Aus Gottes Hand - in Gottes Hand

Wie werden Engel geboren,
Damit sie so rein sind
Damit sie so schön sind
Damit sie so geliebt werden?

Ich kenne einen kleinen!
Geboren als Frucht der Liebe
Vereint mit der Freude der Erwartung
Engel geworden in der Trauer des Abschieds

Es wurden ihm nicht Jahre gegeben
Aber nur Stunden um Herzen zu erobern
Er durfte nicht weinen
Sondern nur schweigen und warten

Es wurde ihm aber gegeben
Geliebt zu werden
Weil er da war
Beweint zu werden
Weil er uns verlassen hat

Heute ist er ein Engel
Der, erleuchtet, all jene trösten will
Die um ihn weinen
Die auf ihn warten
Die ihn suchen

Er ist die Frucht jener Liebe
Der er geschenkt wurde
Die verstanden hat
Die ihm aus Liebe ermöglicht hat
Ein Engel zu werden

 

"Wenn etwas von uns fortgenommen wird
womit wir tief und wunderbar zusammenhängen
so ist viel von uns selber auch mit fortgenommen
Gott aber will
Dass wir uns wieder finden
Reicher um alles Verlorene
Und vermehrt um jenen unendlichen Schmerz."

Rainer Maria Rilke

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 8.10.2009